Ein Urgestein der Pädagogik: "Aus Wuppertal? Dann nehm’ ich Sie!"Zum 95. Geburtstag von Prof. Dr.h.c. Fritz Bärmann/Von Jörg Ruhloff

19.02.2008

Der älteste Professor

Ein Urgestein der Pädagogik: "Aus Wuppertal? Dann nehm’ ich Sie!"
Zum 95. Geburtstag von Prof. Dr.h.c. Fritz Bärmann/Von Jörg Ruhloff

Am 17. Februar 2008, einem Sonntag, wurde Fritz Bärmann, Professor für Schulpädagogik, 95 Jahre alt. Er ist der erste Ehrendoktor (Dr. paed.h.c.) des damals eigenständigen Fachbereichs Erziehungswissenschaften und auch der 1972 gegründeten Gesamthochschule Wuppertal, der späteren Bergischen Universität. Was sein akademisches Wirken in Wuppertal und für die Bergische Universität bedeutet, kann kaum treffender zusammengefasst werden als durch das im obigen Titel herausgestellte Zitat: Schon zu Zeiten von Fritz Bärmanns Wuppertaler Lehrtätigkeit in der Grundschulpädagogik war es für examinierte Lehramtsstudenten nicht immer leicht, eine Stelle zu bekommen. Eine besorgte Lehramtsanwärterin wandte sich deswegen an den zuständigen Schulrat und wurde gefragt: "Können Sie Leseunterricht für’s erste Schuljahr?" Sie bejahte das. Die legendäre und oft zitierte Reaktion "Woher kommen Sie, aus Wuppertal? Dann nehm’ ich Sie!"

Grundschulpädagogik bei Fritz Bärmann studiert zu haben, das war der ausschlaggebende Qualitätsnachweis. Bis zum Ende seiner Lehrverpflichtung vor 30 Jahren, 1978, konnten das viele Studierende erfahren. Allwöchentlich unterrichtete er Studierende mit einer schriftlichen Vorbereitung nach Wuppertaler Stil.

Wer sich mit Bärmanns Schriften vertraut macht, kann sein pädagogisches Konzept nachvollziehen. Schülergenerationen haben mit seinen Lehrwerken, beispielsweise mit der "Zauberfibel" (1959), Mathematik gelernt. Fritz Bärmanns Forschungen zum Schreibenlernen begründen, dass über eine pädagogische Einführung in die Kunst des Schreibens viel zu wenig gesagt ist, wenn Schreiben zum "Erwerb" einer "Kulturtechnik" verflacht wird. Im "Schreibunterricht" habe sich eine Manier "breitgemacht", die "Kinder über die Widerstände der Welt und des Lebens hinweglügen" möchte, hielt er 1979 in seinem grundlagentheoretischen Beitrag "Schrift und Schreiben – ein erziehungswissenschaftliches Problem? " kritisch fest.

Am Beispiel des Schreibunterrichts entfaltet Bärmann den Ansatz zu einer Grundschulpädagogik, die aus einem reichen, auch kulturgeschichtlich reichen Wissen um die Sache zu schöpfen versteht und die sich zuerst einmal um einen tragfähigen Begriff von menschlicher Schrift bemüht: „Schrift ist Spur eines Werkzeugs auf einer Unterlage, hervorgerufen und nach überlieferten Zeichen zu Zwecken der Dokumentation und der Kommunikation in Bewegung gestaltet von menschlicher Hand." Seine Bemühungen um die Wirksamkeit von Sprache im Unterricht führten zur Mitarbeit an Lesewerken für Grund- und Hauptschulen in Hessen und in Nordrhein- Westfalen.

Die Schulreformen der 1960er und 70er Jahre brachten endlich auch in der (west-) deutschen Grundschule den Übergang vom volkstümlichen Rechnen zur Einführung in die Anfänge mathematischen Verstehens. "Mathematik für die Grundschule" war ein zweites Forschungsgebiet, dem Fritz Bärmann mehrere Arbeiten gewidmet hat. Er ist Ko-Autor eines international erfolgreichen vierbändigen Lehrwerks gleichen Namens, das 1973 zugleich in griechischen, niederländischen, österreichischen und Schweizer Ausgaben erschien.

Dass ein Wissenschaftler dieses Formats auch bildungspolitischen Einfluss bekommt, ist keineswegs selbstverständlich. NRW übertrug ihm 1972 die "Auswertung der Erhebungen zu Schrift und Schreiben" eines Grundschulversuchs und gewann ihn zur Mitarbeit an den 1973 erschienenen Grundschul- Richtlinien für den Mathematikunterricht sowie zu " Schrift und Schreiben". Lehrerausbildung gibt es in Wuppertal seit 1946 an der (evangelischen) Pädagogischen Akademie, seit 1965 an der Abteilung Wuppertal der Pädagogischen Hochschule Rheinland, mit Gründung der Gesamthochschule 1972 auf alle Schulstufen und -formen erweitert. Mit Fritz Bärmanns Namen ist die Wuppertaler Lehrerausbildung verknüpft, seitdem er 1956 aus dem Amt des Rektors der Spielmann-Volksschule in Weilburg (Hessen) auf eine der beiden damals an der Pädagogischen Akademie Wuppertal neu eingerichteten Professuren für Schulpädagogik berufen wurde.

Die NRW-Kulturpolitik beabsichtigte mit deren Einrichtung, wie man heute sagen würde, eine stärkere "Vernetzung" der akademischen Lehrerausbildung mit den Rahmenbedingungen schulisch organisierter Praxis. Dieser Aufgabe – sie ist im Gefolge von PISA wieder zum bildungspolitischen Thema geworden – wurde Fritz Bärmanns Wirken in Wuppertal in außergewöhnlicher Weise gerecht. Seiner Initiative verdankt der "Arbeitskreis Lehrerbildung Wuppertal" wesentliche Anstöße.

Prof. Fritz Bärmann bewog 1974 den Gründungsrektor der Gesamthochschule Wuppertal, Prof. Dr. Dr.h.c. Rainer Gruenter, Lehrer der Gymnasien, der Realschulen und Vertreter der Bezirksseminare zu einem Treffen mit Hochschullehrern und Beamten des für Schule zuständigen NRW-Kultusministeriums einzuladen. Das war der Beginn des so genannten "Wuppertaler Modells", eines weit über Bärmanns aktive Dienstzeit hinaus ausstrahlenden Versuchs, die schulpraktischen Studien angehender Lehrer nachhaltig zu verbessern, ohne sie von wissenschaftlichen Studien abzukoppeln. Die in Wuppertal erst kürzlich gestartete Lehrerausbildung nach dem Bachelor-Master-Modell mit ihren auf Schule bezogenen Forschungspraktika könnte sich dieser Tradition verpflichtet fühlen und sie fortschreiben.

Prof. Dr.h.c. Fritz Bärmann ist Teil des kulturellen Gedächtnisses der Bergischen Universität. Dieses "Gedächtnis" wurde seit seinem Ausscheiden zu seinem Lebensthema. Auch heute noch vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht über das "Gedächtnis in schulpädagogischer Absicht" liest und schreibt. Sein eigenes phänomenales Gedächtnis und seine Erzähl-Kunst sind ihm erhalten geblieben, ebenso Witz und Humor. Wer mit ihm spricht, muss sich auf die Frage gefasst machen: "Sind Sie schon mal 95 geworden?"

Homepage zum 95. Geburtstag

Der Autor unseres Beitrags, Prof. Dr. Dr.h.c. Jörg Ruhloff, lehrte bis zu seiner Emeritierung Systematische und Historische Pädagogik an der Bergischen Universitä. Er trägt die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität, Berlin.

zurück

Druckversion von http://www.presse.uni-wuppertal.de/2008/0219_baermann_portrait.html