Vortrag von Prof. Frank Werner

06.05.2008

1968: Architektur gegen die feindliche Welt

Vortrag von Prof. Frank Werner

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Mit dem Wuppertaler Architekturhistoriker Prof. Frank R. Werner als Referent zum Thema "Architektonische Utopien jenseits des Pflasterstrandes" ist die Ringvorlesung über "1968 – vierzig Jahre danach" in der Elberfelder CityKirche fortgesetzt worden.

Im Gegensatz zur Musik um 1968, die eine Woche zuvor Thema war, hefteten sich progressive Architekten die Kritik an Gesellschaft und Architektur selbst an ihre Fahnen. Besonders die großen, inhumanen Wohnsilos der "Klassischen Moderne" wurden als Instrument des spätkapitalistischen Staatsmonopolismus gegeißelt, erinnerte Prof. Werner.

Zwischen 1960 und 1975 entwickelte eine ganze Generation von Architekten mutige Utopien als Modelle einer alternativen Gesellschaft und einer alternativen Architektur. Sie seien angetreten, so Prof. Werner, um die Architektur "aus den Klauen der kapitalistischen Architektur zu befreien" und den Weg zu einer neuen, menschenwürdigen Gesellschaft aufzuzeigen.

Bekannte Namen dieser Bewegung: Friedrich Hundertwasser, Alexander Mitscherlich, Peter Cook, Justus Dahinden, Charles Jenks, James Burns, Paola Navone und Bruno Orlandoni. Auch neo-avantgardistische Gruppen wie Archigram (ab 1960 in England), Superstudio (1966-1978, Deutschland) oder Archizoom (1963-1973) gehörten dazu.

Grundtendenzen dieser Architektur waren fließende Formen, mobile Städte, die Hybridisierung der Stile, Kunststoff statt Beton "gegen die feindliche Welt". Die Bewohner sollten zu neuen, zukunftsweisenden Existenzformen finden können. Das visionäre Potenzial der Bewegung hätten sich darin gezeigt, dass Entwürfe und Ideen selbst wichtiger gewesen seien als ihre Realisierbarkeit.

Die Hauptwirkung der Neo-Avantgarde, so Prof. Werner, bestand darin, zielsicher die Finger auf die Wunden der Zeit gelegt und ein grandioses Panorama einer Architekturkritik entworfen zu haben. Historisch gesehen blieben die Entwürfe weitestgehend folgenlos; die Visionen allerdings entfalten bis heute eine ungebrochene Faszination. Hierin haben sie der postmodernen Tendenz des architektonischen "Behübschens" traditioneller Stile Entscheidendes voraus.

Der nächste Vortrag der Ringvorlesung findet - aufgrund der Pfingstfeiertage - erst am Montag, 19. Mai, statt. Dann spricht der Bochumer Theologen Prof. Dr. Okko Herlyn über "Treibt det nur nich zu doll - 1968 und die Folgen für Evangelische Kirche".

www.1968.uni-wuppertal.de
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Druckversion von http://www.presse.uni-wuppertal.de/2008/0506_1968_werner.html