Laudatio von Prof. Dr. Wolfgang Orth anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Prof. Dr. theol. habil. Dr. phil. Dieter Vieweger

09.07.2009

Laudatio von Prof. Dr. Wolfgang Orth anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde
an Prof. Dr. theol. habil. Dr. phil. Dieter Vieweger

Im April 2003 war eine Gruppe von etwa 30 Wuppertalern unterwegs auf Studienreise in Zypern. Man hatte spektakuläre Sehenswürdigkeiten gesehen: die Ruinenstätten von Paphos und Kurion, die Welterbekirchen im Troodos-Gebirge. Nun war man an diesem Samstagnachmittag an einen Ort angekommen, dem auch der Gutwilligste nicht viel abgewinnen konnte: ein paar Wiesenabhänge, die sich zum Talgrund hin erstreckten, Buschreihen als Umrahmung, hier und da tatsächlich auch ein paar schöne Blumen. Aber man befand sich ja eigentlich nicht auf einer botanischen Exkursion. Fragend richteten sich die Blicke auf den wissenschaftlichen Leiter der Reise, auf Dieter Vieweger, Professor an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal.

Dieser freilich schien die Ratlosigkeit seiner Gruppe nicht ganz ohne inneres Vergnügen beobachtet zu haben. Und er konnte uns dann darauf aufmerksam machen, dass wir etwas ganz übersehen hatten: im grünen Gelände lagen nicht wenige rötliche Keramikscherben herum; bei genauerer Prüfung musste man zugeben, dass der Abhang geradezu davon übersät war. Vieweger begann mit seinen Erklärungen: was uns als belangloser und ganz zufälliger Abfall erscheinen mochte, das gewann in seiner Interpretation nach und nach den Rang wertvollen Quellenmaterials, das Fragen und Schlüsse im Blick auf Lebensgewohnheiten und Arbeitstechniken vergangener Epochen zuließ. Das, was mit diesen unscheinbaren Scherben zusammenhing, was aber längst verfallen, vergangen und verschwunden war, nahm in unserer Vorstellung mehr und mehr Gestalt an. Allmählich stand uns eine bronzezeitliche Siedlung vor Augen und bald entspann sich ein lebhaftes Gespräch über Verteidigungsmöglichkeiten und Wasserbedarf, über Hausgrößen und Kultverpflichtungen und über manches andere mehr.

Die Art und Weise, wie Vieweger das Gelände erklärte, ließ allen Zuhörern klar werden, dass ihm diese Feld- und Busch-Landschaft abseits der touristischen Hauptrouten ganz besonders am Herzen lag. Wir befanden uns in der Region von Tamassos. Tamassos aber war das Thema von Viewegers über 1300 Seiten umfassender Dissertation, genauer gesagt, seiner zweiten Dissertation. Im Jahre 1998 hatte er damit in Frankfurt am Main den akademischen Grad eines Dr. phil. erworben, im Fach Ur- und Frühgeschichte. „Zur Chronologie der Nekropole von Tamassos-Lambertis, Zypern“ hieß der Titel. Diesem Abschluß war ein fünfjähriges Studium der Ur- und Frühgeschichte vorausgegangen.

Wenn wir uns die Biographie und die wissenschaftliche Karriere von Dieter Vieweger ansehen, dann mag es den Anschein haben, als weise der Forschungsschwerpunkt Zypern und speziell Tamassos in den 90er Jahren nur wenig Beziehung auf zu dem, was vorher war, und zu dem, was nachher kam. Bei genauerer Betrachtung ergeben sich aber gerade hier einige bemerkenswerte Verbindungen zu anderen Lebensabschnitten. Wir können das festmachen an der besonderen wissenschaftlichen Tradition, in die sich Vieweger mit seiner Tamassos-Forschung begeben hatte.

Mit seiner Frankfurter Dissertation setzte Vieweger die Arbeit eines heute fast vergessenen Archäologen des 19. Jhdts. fort, die nie ganz zu ihrem Ziel gelangten Forschungen von Max Ohnefalsch-Richter. Neben Feld- und Museumsstudien auf Zypern mussten auch Archivstudien im Völkerkundemuseum in Leipzig durchgeführt werden, wo sich viel vom Nachlaß von Ohnefalsch-Richter befindet.

Ich muß doch noch einen Augenblick bei Ohnefalsch-Richter verweilen. Zum einen deswegen, weil man da auf ein Detail stoßen kann, das bergische Lokalpatrioten aufhorchen lassen muß. Im Jahre 1890 inspizierte nämlich der Archäologe Wilhelm Dörpfeld die Fundstätte von Tamassos; er war von der Grabungspraxis außerordentlich beeindruckt und empfahl deshalb Ohnefalsch-Richter als Fachmann für die Fortführung der Troja-Grabung Heinrich Schliemanns, was sich dann freilich wegen des Todes von Schliemann nicht mehr realisieren ließ.

Man kann den Gedanken nicht ganz beiseiteschieben, dass es Dörpfeld, der sich seiner Geburtsstadt Barmen immer verbunden gefühlt hat, vielleicht gefreut hätte, wenn er hätte ahnen können, dass der Vollender und Nachfolger des von ihm so hochgelobten Ohnefalsch-Richter viele Jahrzehnte später Professor in seiner Heimatstadt werden sollte.

Aber lassen wir dieses Gedankenspiel beiseite, kehren wir zu den Fakten zurück. Und da scheinen andere Beziehungslinien zwischen Ohnefalsch-Richter und Vieweger doch durchaus Beachtung zu verdienen. Der Erforscher von Tamassos im 19. Jhdt. hat 1893 ein Buch über Zypern veröffentlicht, das dann übrigens ein Jahr später von Eduard Meyer, der mit Recht bis heute als einer der Heroen meines Fachs, der Alten Geschichte, angesehen wird, rezensiert worden ist. Das Buch von Ohnefalsch-Richter hat einen überraschenden Titel, einen Titel, der Perspektiven andeutet, die für Vieweger wichtig waren und weiter werden sollten: Er lautet nicht einfach „Zypern“ oder „Kypros“, sondern „Kypros, die Bibel und Homer“. Hier werden Verbindungen hergestellt, die Anregungen bieten für Forschungen, durch die die alttestamentliche Überlieferung in den großen Kulturzusammenhang des Vorderen Orients eingeordnet wird. Hier wird transdisziplinäre Perspektive sichtbar, wie sie auch für die Arbeit des zu ehrenden Kollegen maßgeblich ist.

Mit Ohnefalsch-Richter hat Dieter Vieweger im übrigen das Heimatland gemeinsam, nämlich Sachsen; ebenso den Ort der Promotion, nämlich Leipzig (bei Vieweger müssen wir hier von der ersten Promotion sprechen, die der späteren in Frankfurt vorausging); bei beiden Persönlichkeiten wurde das Berufsfeld Archäologie erst auf einem Umweg erreicht.

So dürfen wir vielleicht doch der Tamassos-Forschung, die auf den ersten Blick einen exkursartigen Seitenweg in der Biographie Viewegers darstellt, zum Angelpunkt unserer Vita machen. Zunächst wird im folgenden kurz zu sprechen sein über den Weg des Sachsen Dieter Vieweger hin zur Archäologie, also über die Jahre vor Zypern; danach soll es um die Folgezeit gehen, um die Jahre, in denen auf der Grundlage der in Zypern gewonnenen Erfahrungen ganz neue Möglichkeiten für archäologische Forschungen im Vorderen Orient wahrgenommen werden konnten.

Unseren ersten gemeinsamen Abend mit Ihnen, lieber Herr Vieweger, werde ich nicht vergessen. Ich habe in meinen Aufzeichnungen nachgesehen: es war der 16. Januar 1994. Mein verehrter Kollege Held und seine Gattin hatten zu sich nach Hause eingeladen. Übrigens sind alle, die damals in der Gästerunde saßen, heute hier anwesend. Meine Frau und ich kannten Dieter Vieweger bis dahin noch nicht. Wir wussten nur, daß er aus der ehemaligen DDR nach Wuppertal gekommen war – für einen eingefleischten Westdeutschen wie mich eine interessante Tatsache. Es entspann sich ein langes Gespräch, in dem mir plastisch zum Bewußtsein kam, was es bedeutete, seine Jugend und auch noch Jahre darüber hinaus in der DDR verbracht zu haben. Von den Bedingungen, die Ihre Schul- und Studienzeit überschatteten, sprachen Sie sachlich, unaufgeregt, ohne das geringste Bestreben, das eigene Tun und Lassen als heldenhafte Leistung ins Licht zu rücken. Sie hätten gewiß manchen Grund dazu gehabt.

1958 in der Stadt geboren, die damals Karl-Marx-Stadt hieß, besuchten Sie Schulen in Einsiedel im Erzgebirge und in Karl-Marx-Stadt, bis Ihnen dann mit 16 Jahren der weitere Weg zum regulären Abitur verwehrt wurde, aus politischen Gründen. Einen Ausweg, eine Art Zuflucht bot das Kirchliche Proseminar in Moritzburg bei Dresden. Der dort erreichte Abitur-Abschluß berechtigte freilich nicht zum Universitätsstudium. Möglich war ein Studium in einer kirchlichen Einrichtung, nämlich im Theologischen Seminar Leipzig. Hier hat Vieweger von 1976 bis 1981 Evangelische Theologie studiert. 1981, also mit 23 Jahren, legte er sein Erstes Theologisches Examen bei der Evang.-Lutherischen Landeskirche Sachsens ab; es folgten Vikariat und Katechetikum. Zur Ordination kam es 1987 an der Thomaskirche in Leipzig; über fast vier Jahre hin hatte Vieweger hier die Funktion eines Pfarrers des Thomanerchores inne.

Eine Forschungsstudententätigkeit am Theologischen Seminar Leipzig ebnete dann doch den Weg zur Promotion 1986 und zur Habilitation 1989, beides nun an der Universität Leipzig; Verfahrensverzögerungen hatten ihre Ursache im wachsenden Dissens zwischen Kirche und Staat. Am 1. 4. 1991 wurde Vieweger der akademische Grad eines Dr. theol. habil. verliehen. Das Thema der Habilitationsschrift lautete: „Die literarischen Beziehungen zwischen den Büchern Jeremia und Ezechiel“.

Die dürren Angaben zum Lebensgang lassen erahnen, welche Bedeutung in der früheren DDR dem kirchlichen Bereich im Sinne einer Nische zukam. Sie lassen auch erahnen, welch vielfältige Erfahrungen zwischen alttestamentlicher Wissenschaft auf der einen Seite und praktischer Jugendarbeit auf der anderen Seite hier gesammelt werden konnten.

Wobei wir uns, was die Wissenschaft betrifft, zunächst noch ganz im Bereich alttestamentlicher Schrifterklärung bewegen; die Habilitationsschrift ist der Frage gewidmet, welche Bilder, Wendungen, Gedanken und Themen des Jeremiabuches in der Schrift des Propheten Ezechiel Aufnahme gefunden haben. Die Methoden sind rein philologisch-literaturwissenschaftlich.

Kurz danach schon sollte sich das ändern. Zur exegetischen Kompetenz trat ein zweites Arbeitsfeld hinzu:1991 ermöglichten es die veränderten Umstände, an einem Lehrkurs des Deutschen Evangelischen Instituts teilzunehmen, und gleich darauf ergab sich auch Mitarbeit an Grabungen in Jordanien und Israel. Viewegers Aktivität scheint sogleich große Anerkennung gefunden zu haben: schon 1992 hat er selbst einen archäologischen Lehrkurs leiten können; ebenso war er schon als Arealleiter bei Ausgrabungen aktiv.

Mit der Wende konnte Vieweger zum anderen akademische Lehrtätigkeit aufnehmen: von 1989 – 1991 zunächst an der Kirchlichen Hochschule Berlin, erst als Dozent, dann als Professor für alttestamentliche Wissenschaft. Von 1991 bis 1993 war er als Professor an der Humboldt-Universität in Berlin tätig. Von dort kam er 1993 nach Wuppertal; in diesem Jahr wurde er auf eine Professur an die Kirchliche Hochschule berufen. Diese Professur hatte eine doppelte Ausrichtung: Altes Testament und Biblische Archäologie.

Archäologie und Wuppertal: das reimt sich nicht von vorneherein so ganz gut zusammen. Ohne Zweifel: das Fundament ist karg. Anders als in den Städten links des Rheins wurden hier kaum je beachtenswerte Bodenfunde gemacht; in den Museen der Stadt spielt das Archäologische so gut wie keine Rolle, da steht Wuppertal sogar noch zurück hinter benachbarten Industriestädten wie Essen, Bochum, Herne, Haltern oder auch Mettmann. Zwei große Namen der Archäologiegeschichte sind allerdings mit dieser Stadt verbunden: der schon erwähnte Wilhelm Dörpfeld, geboren 1853 in Barmen, der immer Textüberlieferung und Bodenfunde in Zusammenhang zu bringen bestrebt war, dem aber Vieweger mit Recht auch nachgerühmt hat, dass er der stratigraphischen Methode weithin anerkannte Geltung verschafft hat, und der Elberfelder Gymnasiallehrer Carl Fuhlrott, der den Neanderthaler entdeckte und der in bemerkenswerter Weise naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Verfahren in seine archäologischen Untersuchungen mit einbezog. Im übrigen wird kein Kenner der hiesigen Gesellschaft bestreiten, daß in Wuppertal zahlreiche Bürgerinnen und Bürger leben, die sich durch außerordentliches Interesse an Kunst und Archäologie auszeichnen.

Als Vieweger nach Wuppertal kam, hat er die sich hier bietenden Chancen mit realitätsnahem Blick erfaßt. In einem Zeitraum von wenigen Jahren gelang es ihm, dem kargen Boden blühende Flächen abzugewinnen. Entscheidende Bedeutung kam dabei neben der Lehrtätigkeit an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal und der nahen Privatuniversität Witten-Herdecke der Gründung eines Biblisch-Archäologischen Instituts zu. Dieses Jahr ist es zehn Jahre her, daß das Institut durch die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland eingerichtet wurde. Es war ein Glücksfall, daß dafür durch den damaligen Kanzler Dr. Peters im Bereich des Campus Freudenberg der Bergischen Universität gut geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden konnten. Viele von uns erinnern sich gerne an die offizielle Einweihung mit Festvorträgen von Prof. Ricardo Eichmann und Prof. Günter Schauerte.

Von Anfang an hatte die Wuppertaler Biblische Archäologie der Ära Vieweger unverwechselbar eigenes Gepräge. Vieweger selbst hat immer wieder dargelegt, wie er Biblische Archäologie aufgefaßt wissen wollte, durchaus nicht immer im Einklang mit eingefahrenen Konventionen. Als der Bibelauslegung untergeordnete Hilfswissenschaft wollte er sein Fach nicht verstanden wissen. Gewiß dürfen und sollen archäologische Wissenschaft und theologische Bibelexegese in vielerlei Hinsicht aufeinander Bezug nehmen. Aber der Ertrag dieser Fächerkooperation liegt im Sinne Viewegers gerade darin, daß nicht von vorneherein erwartet und festgeschrieben wird, was die Nachbardisziplin an Ergebnissen zu erbringen habe. Der eigentlich theologische Gehalt der biblischen Überlieferungen sei mit den Methoden der Archäologie nicht zu erfassen; es sei zu viel erwartet, wenn man annehme, die Archäologie könne die Wahrheit der Bibel untermauern. Auf der anderen Seite könnten Aussagen der Bibel aber auch nicht durch Grabungsbefunde widerlegt werden. In Abkehr von einer zweckorientierten Bibelarchäologie, die nur allzu leicht durch unwissenschaftliche Vorgaben instrumentalisiert werden könne, wird hier für das Fach ein denkbar weites und für viele Forschungskontakte offenes Programm entworfen; dieses Programm hat Vieweger in seinem fast 500 Seiten starken Buch „Archäologie der biblischen Welt“ in meisterhafter Klarheit dargelegt.

Vieweger nennt als affine Fächer für eine richtig verstandene Biblische Archäologie neben der Theologie und der Philologie immer wieder ein breites Spektrum von der Ur- und Frühgeschichte, der Vorderasiatischen Archäologie, der Klassischen Archäologie, der Christlichen und Islamischen Archäologie, der Kunstgeschichte, der Architekturgeschichte und der Numismatik über die Kulturanthropologie bis hin zu den Geowissenschaften, der Paläoklimatologie, der Hydrologie und der Archäozoologie. Durch Bündelung verschiedener Fragestellungen und Methoden sollen Aufschlüsse erreicht werden über Siedlungsmuster, über soziale Strukturen und ökonomische Prozesse.

Für Geisteswissenschaftler war und ist dabei faszinierend der konsequente Einbezug naturwissenschaftlicher Methoden und moderner technischer Analyse-Verfahren. Herausgreifen möchte ich nur die Möglichkeiten geophysikalischer Prospektionen, die auf Grund atemberaubender Entwicklungen Erkenntnisse geliefert haben, von denen man vor 30 Jahren noch kaum hätte träumen können. Georadar, Geomagnetik und geoelektrische Tomographie sind hier die Stichworte. Zu erinnern ist aber auch an Verfahren der experimentellen Archäologie. Durch Dieter Vieweger wurde uns in eindrucksvoller Weise deutlich gemacht, welch staunenswerten handwerklichen und technischen Standard wir bereits bei Herstellern von Keramik in der Bronzezeit anzunehmen haben.

Lieber Herr Vieweger, die geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächer der Bergischen Universität, die heute im Fachbereich A zusammengefasst sind, hatten über Jahre hin immer wieder Gelegenheit, von Ihren Arbeitsprojekten und Ergebnissen Kenntnis zu nehmen. So haben sich hier über die räumliche Nachbarschaft hinaus mancherlei Kontakte ergeben, die Erweiterung der Promotionsordnung im früheren Fachbereich 2, die natürlich in die neue Promotionsordnung des Fachbereichs A übernommen wurde, die die Möglichkeit vorsieht, dass man mit einer Arbeit aus der Biblischen Archäologie im Rahmen unserer Hauptfächer Geschichte oder Evangelische Theologie in unserem (!) Fachbereich den Doktorgrad erwerben kann, ist nur ein besonders deutliches Beispiel dafür.

Mit dem Beschluß unseres Fachbereichs, Herrn Kollegen Vieweger die Ehrendoktorwürde zu verleihen, soll Dank und Anerkennung für eine Forscherleistung zum Ausdruck gebracht werden, die in der Durchführung hoch anerkannter Projekte im Vorderen Orient besteht, die in mustergültiger Weise mit dem Ziel, Wissenschaftsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, verknüpft ist, deren politisches Potential im Hinblick auf die friedliche Zukunft einer ebenso wichtigen wie schwierigen Region nicht zu unterschätzen ist und die das Ansehen des Wissenschaftsstandorts Wuppertal gefördert hat.

Die Forschungen Viewegers haben ihren Niederschlag gefunden in einer großen Zahl von Veröffentlichungen, sein Publikationsverzeichnis weist mittlerweile etwa 200 Nummern auf. In diesem Oeuvre dokumentiert sich die Liebe zum spezialistischen Detail (wenn es um einzelne Funde geht) ebenso wie die Fähigkeit zur Synthese (wie das nun das in 2. Auflage vorliegende Werk „Archäologie der biblischen Welt“ belegt). Seit 1994 hat Vieweger über mehrere Jahre hin zusammen mit Siegfried Mittmann (Tübingen) die traditionsreiche „Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins“ herausgegeben. Seit seiner Berufung auf die Professur für Biblische Archäologie und Altes Testament an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal hat Vieweger regelmäßig Grabungskampagnen im Mittelmeerraum und im Vorderen Orient durchgeführt. In den letzten Jahren konzentriert sich seine Forschungstätigkeit vor allem auf Israel und Jordanien. Nachdem er früher an Fundstätten wie Tell Abu Kharaz, Es-Sallaf und Sal gearbeitet hat, ist für ihn seit 2001 die Grabung auf dem Tall Zira’a in der nordwestlichen Ecke Jordaniens zur großen Herausforderung geworden. Der Tall Zira’a ist einer der für die Vorderasiatische Archäologie so typischen und wichtigen großen Kulturschutthügel, die durch das Übereinander von Siedlungsschichten dem sorgfältig sezierenden Forscher gewissermaßen ein Bilderbuch menschlicher Geschichte und Kultur über Jahrtausende hin bieten. In diesem Fall reichen die Bauten und Funde von der Bronzezeit in den unteren Schichten bis zur Kultur der Omayyaden-Epochen, die die jüngsten Befunde in den obersten Schichten repräsentieren. Für die Palästina-Forschung insgesamt von größter Bedeutung wird sein die jetzt beginnende Erweiterung der Recherchen, die sich auf die gesamte Gadara-Region bezieht: damit werden dann im unteren Teil des Wadi el-Arab 8000 Jahre Menschheitsgeschichte in den Blick genommen.

Professor Vieweger hat die Ergebnisse seiner Arbeit in beispielhafter Weise einer breiten Öffentlichkeit nahegebracht. Immer wieder sind in der vielgelesenen Zeitschrift „Antike Welt“ einschlägige Berichte erschienen. Aber auch in großen Zeitungen war über die Viewegerschen Projekte zu lesen; der Deutschlandfunk informierte vor einiger Zeit zur besten Sendezeit in seinem Abendprogramm.

Wir in Wuppertal waren in vieler Hinsicht privilegiert: durch persönliche Berichte in Form von Vorträgen, durch Beiträge in der „Westdeutschen Zeitung“ oder in den „Bergischen Blättern“; die Ausstellung über experimentelle Archäologie in der Stadtsparkasse vor sieben Jahren ist vielen in schöner Erinnerung geblieben. Vor allem, wenn man das Glück hatte, die Objekte von Vieweger persönlich erklärt zu bekommen. Wie mit der eingangs erzählten Episode angedeutet werden sollte: Vieweger hat geradezu geniale Begabung als Vermittler. Kein Bodenbefund kann so unscheinbar sein, kein Trümmerstückchen so bescheiden, dass es ihm nicht gelänge, in spannender Darstellung in den größeren Kulturzusammenhang einzuführen. Thema ist dann im letzten immer der Mensch in seinen Möglichkeiten und Leistungen. Begeisterte Leser hat Viewegers Kinderbuch „Das Geheimnis des Tells“ gefunden, das aus der Zusammenarbeit mit hiesigen Schülern entstanden ist. Wie geschickt hier in Grundprobleme der Ur- und Frühgeschichte im Vorderen Orient eingeführt wird, das kann man nur bewundern.
Jahr für Jahr nahmen und nehmen zahlreiche Amateure aller Altersgruppen an Viewegers Ausgrabungskampagnen teil und scheuen dabei weder Mühe noch Kosten. Nicht wenige dieser Mitarbeiter und Helfer stammen aus dem Bergischen Land. Was solche Initiativen im Hinblick auf Nachwuchsförderung einerseits und auf die Förderung von Verständnis für zeitgemäßes archäologisches Spezialistentum andererseits bedeuten, ist gar nicht hoch genug zu veranschlagen. Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, dass Professor Vieweger von der Kirchlichen Hochschule mittlerweile gerade in Wuppertal und Umgebung zu den bekanntesten Professoren zählt.

Beeindruckend darf man aber auch einen Bereich der Öffentlichkeitswirkung nennen, der über das eben Genannte noch hinausgeht. Wer im Nahen Osten ausgräbt, sieht sich unweigerlich auch mit politischen Problemen dieser Krisenregion konfrontiert. Wer sich mit Vieweger unterhält, der erfährt, dass er die Schwierigkeiten, die auf den Menschen der Nahostregion lasten, sehr ernst nimmt. So sehr er Spezialist in seinem wissenschaftlichen Fach ist, so sehr zeichnet ihn als Person auch der politische Sinn aus. Hier mag doch auch die Prägung durch die eigene Biographie nachwirken, die Erfahrungen, die Jahrzehnte vorher in der sächsischen Heimat zu machen waren.

Herr Vieweger leitet sowohl das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem als auch das entsprechende Institut in der jordanischen Hauptstadt Amman. Diese Tatsache allein darf in einer Region, in der sich einzelne Länder in scharfer Konfrontation voneinander abgrenzen, als durchaus ungewöhnlich bezeichnet werden. In Jordanien hat sich das Institut bis zur Staatsspitze hin hohes Ansehen erworben, so hat auch das jordanische Königshaus die Schirmherrschaft über die Tall Zira’a-Ausgrabungen übernommen. Neben dem Goethe-Institut und der Deutsch-Jordanischen Universität ist Viewegers Institut in Amman eine der Säulen deutscher Kultur. Entsprechendes gilt unter anderen Prämissen für Jerusalem.

Die Politiker unseres Landes haben das längst erkannt. Am 13. März 2007 wurde das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes mit seinen Abteilungen Jerusalem und Amman mit dem Deutschen Archäologischen Institut zusammengeschlossen. Daß dies gelang, darf als ein persönlicher Erfolg von Professor Vieweger bezeichnet werden. Staatsminister Erler unterstrich damals bei einer Festveranstaltung im Auswärtigen Amt in Berlin in seiner Ansprache die kulturdiplomatische Aufgabe und Bedeutung der von Vieweger geleiteten Einrichtungen und der von ihm durchgeführten Grabungen in einer der politisch schwierigsten Regionen der Welt. Besuche von Politikern gehören bei Vieweger in Israel oder Jordanien schon fast zum Alltag: Namen einer Reihe im einzelnen aufzuzählen, die mit Bundeskanzlerin Merkel beginnt, darf ich mir hier ersparen.

Wer wie ich im Frühjahr 2007 von Wuppertal aus an der Berliner Festveranstaltung teilnehmen konnte, der hat mit Freude wahrgenommen, dass im Rahmen der Feier mehrfach der Name unserer Stadt fiel. Bei aller Weltläufigkeit hat Vieweger seine Grundlagen in der hiesigen Region nicht vergessen: die Tatsache, dass sich das inländische Forschungszentrum, in dem die Projekte von Herrn Vieweger vorbereitet und nachbearbeitet werden, hier auf dem Campus Freudenberg befindet.

Der Dank des Fachbereichs A der Bergischen Universität an Herrn Vieweger hat gerade auch damit zu tun, dass er zur Erhöhung des Ansehens des Wissenschaftsstandorts Wuppertal einen erheblichen Beitrag geleistet hat. Die international anerkannten Forschungsleistungen Viewegers, sein hohes Renommee in Archäologie und Altorientalistik waren und sind dem Ansehen der Wuppertaler Kultur- und Geisteswissenschaften förderlich.

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