Gleichstellungspreisverleihung 2009

28.01.2010

Laudatio von Dr. Christel Hornstein

Gleichstellungspreisverleihung 2009

Liebe Preisträgerinnen,
liebe Gäste,

die Bergische Universität vergibt im Rahmen ihres universitätseigenen Förderprogramms „Qualität, Anreiz und Erfolg“ zum 4. Mal einen Gleichstellungspreis für hervorragende, innovative Projekte und strukturelle Maßnahmen auf dem Gebiet der Gleichstellung, der in diesem Jahr an die Preisträgerinnen Prof. Dr. Gerda Breuer und das Institut für Gründungs- und Innovationsforschung, vertreten durch Prof. Dr. Christine Volkmann, verliehen wird.

Wir folgen damit einer jungen Traditionslinie, allerdings mit einer Abweichung, dass durch das Vorliegen zwei gleichwertiger Anträge auf hohem Niveau auch die Vergabe von zwei gleichwertigen Preisen nahe lag. Beide Anträge zielen auf den Ausbau der Frauen- und Geschlechterforschung, die Integration der Inhalte in den Lehrkanon und die Nachwuchsförderung ab.

Während die Besprechung des ersten Antrags sich auf eine Person konzentriert, wird nachfolgend ein Genderforschungsprojekt mit Impulscharakter für den gesamten Fachbereich in den Blick genommen. Dieses hat auch Eingang gefunden in das Genderkonzept der Bergischen Universität.

Die Vergabe des Gleichstellungspreises 2009 an Gerda Breuer lässt sich am besten begründen auf der Basis biographischer Etappen, in die Qualifikationsprofile eingelassen sind, die sie für eine Auslobung unter Genderaspekten besonders auszeichnen.

Als Gerda Breuer 1995 an den Lehrstuhl Kunst- und Designgeschichte der Bergischen Universität Wuppertal berufen wurde, hatte sie bereits einen reich verzweigten beruflichen Weg hinter sich. 1948 in Aachen geboren, studierte sie dort zunächst Kunstgeschichte, Philosophie und Soziologie.

Die eigentliche und intensivste Motivation, sich mit Frauenforschung zu beschäftigen, entstand während des Studiums in einem soziologischen Seminar über historischen und aktuellen Feminismus, aus dem ein 500 Seiten starker Reader hervorging, der später Kultstatus erhielt. Eine 300seitige Seminararbeit über das Frauenbild in der Zeitschrift „Der Spiegel“ brachte ihr das Angebot ein, die Arbeit als Dissertation auszubauen, was sie allerdings ernüchtert ablehnte. Die Ernüchterung sollte später einer konstruktiven Bearbeitung weichen.

Prof. Dr.Gerda Breuer Prof. Dr.
Gerda Breuer

In der Soziologie machte sie dann ihren ersten Studienabschluss, was bis heute sehr bereichernd auf ihre Lehre und Forschung im Bereich Designgeschichte ausstrahlt, nicht zuletzt durch ihre reflexive Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen. Die Kunstgeschichte wurde wieder aufgenommen und mit der Promotion abgeschlossen.

Schon während des Studiums zog es sie zu Forschungsaufenthalten in die USA, wohin sie nach dem Studienabschluss wieder zurückkehrte, um in Michigan zu lehren. In dieser Zeit erlebte sie eine starke Kultur der gegenseitigen Unterstützung. Es war selbstverständlich, auf Kontakte in Frauennetzwerken zurückgreifen zu können, wenn sie an der Ostküste von Stadt zu Stadt reiste.

Später ging es in die Niederlande nach Amsterdam und Leiden und immer wieder ins Rheinland.

Neben der Lehre galt ihr Interesse immer auch dem Museums- und Ausstellungsbereich. Unter anderem leitete sie von 1985 bis 1990 das Industriemuseum in Ratingen, von 1990 bis 1995 war sie Stellvertretende Direktorin des Instituts Mathildenhöhe in Darmstadt und ist heute – mit viel Leidenschaft – Leiterin des Instituts für angewandte Kunst- und Bildwissenschaften.

2005 übernahm sie den Vorsitz des wissenschaftlichen Beirates der Stiftung Bauhaus Dessau und wurde vom Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt mit der Evaluation der Stiftung beauftragt. Von ihren zahlreichen Publikationen haben einzelne Medaillenränge erlangt.

Seit 1981 forscht sie zur Spezifik der Arbeiten von Designerinnen und Künstlerinnen in der Kunstgewerbe-Reformbewegung.

Im Rahmen der Ausstellung „Der westdeutsche Impuls. Kunst und Umwelt im Industriegebiet zwischen Rhein und Ruhr“ hat sie in gesonderten Publikationen und Aufsätzen parallel über Initiativen von Anna Muthesius, der Frau des Reformers Hermann Muthesius, in London zur Frauenemanzipation und Kleiderreform veröffentlicht und auf deren Einfluss auf Initiativen der beginnenden Lebensreformbewegung in Deutschland, insbesondere bei Maria Sethe-van deVelde und Henry van de Velde, hingewiesen. Aus dieser Forschung heraus initiierte sie die Ausstellung „Reformkleidung um 1900“ der Kulturwissenschaftlerin Sabine Welsch, die kurz nach ihrem Weggang auf der Mathildenhöhe in Darmstadt präsentiert wurde.

Mit der Übernahme des Lehrstuhls für Kunst- und Designgeschichte an der Bergischen Universität verband sich für Gerda Breuer auch die Betreuung der beachtlichen Designsammlung und der Ausstellungen in der Universitätsgalerie im Kolkmannhaus, die sie seit 2002 mit viel Engagement bespielt. So widmete sie sich in mehreren (Wander-)Ausstellungen einzelnen Fotografinnen bzw. Objektdesignerinnen und deren Werkphasen. Dazu gehört die Bauhäuslerin Marianne Brandt, eine der profiliertesten Persönlichkeiten des Bauhauses, die vor allem durch das inzwischen legendär gewordene Tee-Extraktkännchen MT 49 bekannt ist.

Ein weiteres Portrait galt der Künstlerin Walde Huth, deren Bilder aus den 50er Jahren zu Klassikern der Modefotografie wurden. Die Pariser Haute Couture erwacht zum Leben und setzt ein restauratives Frauenbild frei, das die Exponate künstlerisch inszenierten. Es folgt eine Ausstellung von Fotografien der Bonner Künstlerin Renate Brandt. Mit Geschlechterrollen in der Werbung der 1950 bis 1970er Jahre befasst sich eine Ausstellung von Werbefotografien der ehemaligen Kölner Agentur schmölz + huth.

Seit 1996 begleitet Gerda Breuer nicht nur Dissertationen von Frauen, sondern hat eine Reihe von Dissertationen über Frauen in der Kunst- und Designgeschichte angeregt wie z.B. über die Designerin, Kunstkritikerin und Designmanagerin Mia Seeger und die Designinstitutionen des 20. Jahrhunderts.

Sie fordert und fördert junge Wissenschaftlerinnen, nicht zuletzt als Mentorin im High-Potential-Programm „ProProfessur“ der fünf hessischen Universitäten. Und es ist sicherlich bemerkenswert, dass sie insbesondere von der Generation junger Professorinnen an renommierte Universitäten wie in München, Wien und Zürich zu Vorträgen eingeladen wird.

Zur Zeit sichtet sie den Vorlass der Architektin und Planerin Marlene Zlonicky, der als Schenkung der Designsammlung der Universität Wuppertal überlassen werden soll und mit dem eine Publikation über „Stadt als sinnliche Wahrnehmung“ (Arbeitstitel) sowie eine Ausstellung verbunden sind.

Seit anderthalb Jahren bereitet sie, zusammen mit einer Designerin, eine umfassende Publikation und Ausstellung über Typografinnen vor, über deren Anteil und Arbeitsbedingungen im Vergleich zu Objektdesignerinnen bisher keine Forschungen vorliegen.

Besonders hervorheben möchte ich ihre langjährige Mitarbeit in der Gleichstellungskommission, die sie von der ersten Stunde an begleitete und in der sie sich mit großem Engagement und einem besonderen Augenmaß für die Chancengleichheit von Frauen und Männern einsetzte.

Ebenso nachhaltig sprach sie sich für den Ausbau der universitären Frauen- und Geschlechterforschung aus. Mit gutem Beispiel vorangehend erzeugte sie über ihre verschiedenen Forschungsprojekte in der Design- und Fotografiegeschichte den Quelltext für das Genderprofil in der Zielvereinbarung mit dem Ministerium, bei dem es auch darum geht, die Leistungen von Frauen sichtbar zu machen und ihnen eine Stimme zu verleihen.

Das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro dient dem Ausbau der Frauenforschung im Design. Beabsichtigt sind eine Publikation und eine Ausstellung zu Typografinnen.

Wir wünschen ihr dafür viel Erfolg.

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Die Vergabe des Gleichstellungspreises 2009 an das Institut für Gründungs- und Innovationsforschung (IGIF) der Schumpeter School of Business and Economics gründet auf einem vom BMBF und dem Europäischen Sozialfond über drei Jahre (2007 bis 2010) geförderten Projekt mit dem Titel „ExiChem - Gründerinnen in der Chemie“, das über das spezifische Gründungsverhalten von Frauen in der Chemie forscht und die Übertragbarkeit der Forschungsergebnisse auf andere Gründungsfelder der wissens- und technologieintensiven Branchen prüft.

Das Forschungsprojekt ist angesiedelt im bmbf-Themenschwerpunkt „Power für Gründerinnen – Maßnahmen zur Mobilisierung des Gründungspotenzials von Frauen“ im Rahmen des Förderbereichs „Strategien zur Durchsetzung von Chancengleichheit für Frauen in Bildung und Forschung“. Es findet im Verbund mit dem Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung (RISP) der Universität Duisburg-Essen statt, die das Teilvorhaben „Individuelle Wege von Frauen und ihr mikrosoziales Umfeld“ bearbeiten.

Das Institut für Gründungs- und Innovationsforschung ist zuständig für das Teilprojekt „Strukturen und ökonomische Rahmenbedingungen für Gründungen durch Frauen in der Chemiebranche“, zu dessen Zielsetzung gehört, einen Beitrag zum Abbau (struktureller) Barrieren beim Weg in die Selbständigkeit von Chemikerinnen und Akademikerinnen aus chemieaffinen Bereichen zu leisten.

Das Teilvorhaben analysiert entsprechend die makrosozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen für Gründungen von Frauen, bildet das existierende Gründungsgeschehen in der Branche ab und prüft herrschende Beratungskonzepte auf ihre Tauglichkeit für die passende Beratung von Frauen.

Die Analysen knüpfen damit an aktuelle Erkenntnisse aus der Entrepreneurship-Forschung an, aber auch an die Geschlechterforschung sowie Bildungs- und Arbeitssoziologie. Mit Hilfe rekonstruktiver und quantitativer Verfahren der empirischen Sozial- und Wirtschaftsforschung sowie diskursanalytischer Methoden werden empirisch gesicherte Aussagen über die Determinanten von Gründungen durch Frauen in der Chemiebranche und naher Innovationsbereiche getroffen.

Das Projekt ist bundesweit ausgerichtet und schließt die Berücksichtigung internationaler Studien sowie einen eigenen internationalen Vergleich mit ein. Da es darüber hinaus wichtig ist, die Forschungsergebnisse unmittelbar an die Praxis der Akteurinnen und Akteure anzuschließen, die im Umfeld der Gründungsberatung und Gründungsbegleitung eine Rolle spielen, wurden an zwei bedeutenden Chemie-Standorten regionale Forschungsschwerpunkte gebildet. Dies sind die Region Emscher-Lippe und die Bergische Region.

Zum Institut für Gründungs- und Innovationsforschung:

Das Institut für Gründungs- und Innovationsforschung wurde 2003 als interdisziplinäre Einrichtung des Fachbereichs gegründet, der sich mit der Namensgebung Schumpeter School of Business and Economics für den Aufbau, die Pflege und Fortentwicklung eines gründungs- und innovationsorientierten Profils entschieden hat. Zur Institutsleitung gehören Prof. Dr. Ulrich Braukmann, Prof. Dr. Lambert Koch sowie seine Lehrstuhlvertreterin Prof. Dr. Christine Volkmann, die 2005 mit dem UNESCO-Lehrstuhl für Entrepreneurship und Intercultural Management ausgezeichnet wurde. Geschäftsführer ist Patrick Saßmannshausen.

Seit Jahren werden erfolgreich Forschungsprojekte im Themenfeld Entrepreneurship durchgeführt. Insbesondere die Gründungsinitiative „Bizeps“ ist ein nachhaltiges Ergebnis der Institutsarbeit. Die Thematik „Unternehmertum, Innovation und wirtschaftlicher Wandel“ ist zudem eine der sechs Profillinien der Bergischen Universität, die in den bisher fünfmal durchgeführten Rankings zur besten gründungsförderlichen Universität Spitzenplätze belegte.

Seit dem Jahr 2007 ist das Themenfeld „Female Entrepreneurship“ ein fester Bestandteil der Forschungspraxis, was durch das erfolgreiche Einwerben des Exi-Chem-Projekts deutlich wird. Entwickelt wurde die Projektstruktur von Dr. Brigitte Halbfas, stellvertretende Geschäftsführerin und der Projektmitarbeiterin Melanie Roski, die beide heute anwesend sind und als Initiatorinnen auch eine besondere Würdigung erfahren.

Das Institut verfügt über eine hochqualifizierte Expertise zu genderspezifischen Fragestellungen im Bereich der Unternehmensgründung, insbesondere der Gründungsfinanzierung und Evaluierung von Gründungsberatungsangeboten.

Die in der Forschung gewonnenen Erkenntnisse aus dem Bereich „Women & Entrepreneurship“ werden systematisch in Lehrveranstaltungen und Seminare des Lehrstuhls für Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung, den Frau Volkmann vertritt, vermittelt und weiterentwickelt.

Angestrebt wird eine nachhaltige Verankerung der Thematik in die Forschungsprojekte und der Transfer in das Kompetenznetzwerk Bizeps. Ein langfristiges Ziel ist die Etablierung einer genderspezifischen Beratung als Querschnittsthema in zukünftigen Forschungsprojekten.

Der Nachwuchsförderung kommt insofern eine bedeutende Rolle zu, als die Erkenntnisse aus der Forschungsarbeit direkt umgesetzt werden in Maßnahmen zur Verbesserung der Karriere- und Beschäftigungsbedingungen an der Hochschule im allgemeinen und zur Entwicklung genderspezifischer Gründungsberatungsangebote für Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter und Studierende im besonderen. Unterschiedliche Bedürfnisse, bedingt durch die Notwendigkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber auch unterschiedliche Sozialisationseffekte, wie z.B. Gründungsmotivation, Dienstleistungsorientierung, sollen in derartigen Angeboten Berücksichtigung finden.

Das Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro dient dem gezielten Aufbau eines ForscherInnennetzwerks und der Planung und Durchführung zukünftiger Forschungsprojekte mit Genderprofil.

Wir wünschen den Akteurinnen und Akteuren ein gutes Gelingen!

Ich möchte nun den Rektor bitten, die Preise zu vergeben und noch ergänzend hinzufügen, dass wir heute auf eine prominente Person verzichten müssen. Frau Volkmann kann leider nicht an der Veranstaltung teilnehmen. An ihrer Stelle wird Frau Halbfas in ihrer Funktion als stellvertretende Geschäftsführerin den Gleichstellungspreis in Empfang nehmen.

www.gerdabreuer.de
http://igif.wiwi.uni-wuppertal.de
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Druckversion von http://www.presse.uni-wuppertal.de/2010/0128_laudatio.html