Schriftsteller Marcel Beyer zu Gast an der Bergischen Uni

09.02.2010

"Ich kann meinem Erzähler selbst nicht trauen"

Schriftsteller Marcel Beyer zu Gast an der Bergischen Uni

Schriftsteller Marcel Beyer (rechts) war auf Einladung von Germanist Dr. Christian Klein (links) an der Wuppertaler Uni. Schriftsteller Marcel Beyer (rechts) war auf Einladung von Germanist Dr. Christian Klein (links) an der Wuppertaler Uni.

Auf Einladung des Wuppertaler Germanisten Dr. Christian Klein besuchte der bekannte Autor Marcel Beyer die Bergische Universität. Ein Semester lang hatten sich Studierende im Rahmen eines Seminars mit seinen Texten beschäftigt, jetzt hatten sie die Möglichkeit mit dem Schriftsteller selbst zu diskutieren.

Marcel Beyer schreibt Gedichte, Essays und Romane, die sich mit der deutschen Geschichte – insbesondere des Dritten Reiches – auseinandersetzen. In all seinen Texten geht es dem Autor um Fragen der Vergangenheitsrekonstruktion, der Zuverlässigkeit von Erinnerungen und die Möglichkeiten des Erzählens.

Die Wuppertaler Studenten interessierten sich vor allem für den Schreibprozess und waren überrascht, wie wenig planbar die kreative Arbeit ist. Marcel Beyer: „Wenn ich anfange einen Roman zu schreiben, weiß ich nicht, dass ich anfange einen Roman zu schreiben. Ich bohre ein Thema an, das mich interessiert, weiß aber nicht, wie lange mich etwas interessiert. Ich versuche einen Text zu schreiben, den ich mir vorher nicht hätte vorstellen können zu schreiben."

Zwar stehe ein Grundgerüst vor jedem Roman fest, das allerdings werde immer völlig umgebaut: Die Charaktere entwickeln sich und somit vergrößere sich die Palette möglicher Wege, die diese Charakter gehen können. Marcel Beyer denkt sich in seine Akteure hinein und versucht nachzuempfinden, wie sich diese in einzelnen Situationen fühlen. Wenn ein Charakter zu stark geworden ist, lässt er automatisch einen Gegenspieler auftreten. Auch die verschiedenen Erzählstimmen zeugten nicht von Mißtrauen gegenüber dem Erzähler, so Beyer, es sei vielmehr so, dass eine Stimme nicht ausreiche, die Geschichte zu erzählen: „Ich weiß auch oft nicht, was wahr und was falsch ist."

Der Autor gab den Studierenden, die begeistert waren von der Begegnung, bereitwillig Auskunft über seine Arbeit. Auch Marcel Beyer zeigte sich beeindruckt: „Tolle Studierende und so kluge Fragen – wir hätten gut noch zwei Stunden diskutieren können.”

nächste

Druckversion von http://www.presse.uni-wuppertal.de/2010/0209_beyer.html