anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an OB Peter Jung

08.12.2010

Rede von Prof. Dr. Gerrit Walther

anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an OB Peter Jung

Urbs et universitas
Zum Verhältnis zwischen Stadt und Hochschule in der Vormoderne

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
Magnifizenz,
meine Damen und Herren,
liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

das Rektorat hat es für richtig gehalten, an dieser Stelle unseres Festakts einen Historiker auftreten zu lassen, der Ihnen über die Geschichte des Verhältnisses zwischen Städten und Universitäten berichten soll, aber nicht über 20 Minuten. Zwei Tatsachen möchte ich Ihnen vorführen: dass dieses Verhältnis immer ein spannungsreiches war (was Sie gewiss schon vermutet haben), dass es zugleich aber auch ein lohnendes und produktives gewesen ist (was Sie hoffentlich erwarten).

Beginnen muss man damit, dass die res publica litteraria und die res publica civilis seit jeher untrennbar verbunden sind. Seit im späten 12. Jahrhundert die ersten Universitäten ins Leben traten, taten sie das in Städten. Nördlich der Alpen geschah das meist so, dass man vorhandene Bildungseinrichtungen zusammenfasste – beispielsweise die Novizenhäuser, die religiöse Orden in Städten unterhielten, in denen Unterricht gegeben wurde und die sich durch Zustiftungen von Kollegien oder Bursen zu Fakultäten entwickelten (so in Paris, Köln, Oxford).

Das italienische Modell sah eher so aus, dass Stadtverwaltungen (bzw. fürstliche Stadtherren) selbst Kollegien und Bursen finanzierten, Lehrer einstellten und so die Basis für eine Universität schufen (so in Bologna). Erst also sicherte man in der Vormoderne Stipendien, dann gründete man eine Universität.

Idealiter war diese Symbiose immer als Kooperation gedacht. Die Universität nämlich, so erklärte Jean Gerson, der Kanzler der Sorbonne, 1405, „repräsentiere in ihren vier Fakultäten die Gesamtheit des menschlich zugänglichen Wissens in dessen doppelter, theoretischer und praktischer Dimension; außerdem stammten ihre Mitglieder aus allen Ländern und Ständen, so dass sie als Mikrokosmos der ganzen Gesellschaft besonders geeignet sei, das Gemeinwohl zu bestimmen. ‚Was wäre Wissenschaft wert ohne praktische Folgen? ... Man lernt nicht nur, um etwas selber zu wissen, sondern um es andern zu zeigen und entsprechend zu handeln‘“. – Die Universität zeigt der Stadt, wie sie in Blüte kommen kann; dafür fördert die Stadt die Universität.

In der Praxis allerdings sorgten massive Interessengegensätzen für chronische Spannungen. Die universitas civium wie die universitas magistrorum et scholarum nämlich waren in der Vormoderne Personenverbände eigenen Rechts. Beide pochten eifersüchtig auf ihre Autonomie. Beide akzeptierten die Rechte der anderen allenfalls zähneknirschend.

Deshalb zahlten Universitätsmitglieder der Stadt, in der sie lebten, keine Steuern, leisteten ihr weder Wach- noch Militärdienste und genossen sie zudem Sonderrechte, durch die sie den Bürgern ärgerliche Konkurrenz machten. Vielerorts etwa besaßen Professoren das Privileg, Bier zu brauen und auszuschenken. Zudem unterstanden sie ihrer eigenen Gerichtsbarkeit.

Wenn ein Student in der Stadt randaliert hatte, wenn er seine Zeche oder Miete nicht bezahlt oder erfolgreich einer sonst braven Bürgerstochter nachgestellt hatte, konnte die städtische Justiz nicht einschreiten. Vielmehr musste der Bürgermeister mit dem Rektor verhandeln. Dieser aber hielt selbstverständlich zu seinen Studenten, und das taten auch die Landesherren, die seit dem 15. Jh. zusehends eigene Universitäten gründeten.

Als starkes Druckmittel gegenüber der Stadt diente der Universität stets die Drohung, auszuwandern (bzw. sich vom Fürsten anderswohin verlegen zu lassen). Das berühmteste Beispiel hatten 1409 die Prager Magister und Scholaren deutscher „Nation“ gegeben, die aus Protest gegen die Repressionen König Wenzels nach Leipzig gewechselt waren. Eigentlich hatten sie bald zurückkehren wollen, aber der Markgraf wie die Stadt hatten alles getan, sie zu halten. Seit inzwischen 601 Jahren ist das geglückt.

Alle Zeitgenossen sahen die eminenten Vorteile einer Universität vor Ort. Welch ein Prestigegewinn, eine Institution zu beherbergen, die Privilegien vom Kaiser (und ggf. vom Papst) besaß! Welch ein Nutzen, in den Professoren Experten vor Ort zu haben!

Oft dienten sie der Stadt in Personalunion als Räte, Gutachter, Syndici oder Beichtväter. Oft heirateten sie in die städtische Oberschicht ein, verstärkten die Honoratioren, waren wertvolle Kontaktpersonen zu den Regierungen. Einige wurden zu bekannten Wahrzeichen der Stadt (wie Immanuel Kant in Königsberg oder um 1900 der mit wehenden Frackschößen durch Berlin radelnde Graecist Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff).

Die Studiosi ließen unterdessen die städtische Wirtschaft blühen – vom Bäcker bis zum Bader, vom Buchhändler bis zum Bordellbetreiber. Nur ein Beispiel (aber ein anständiges!): Als die Universität Ingolstadt 1800 geschlossen wurde, sank die Zahl der Gesellen bei den städtischen Bierbrauern von 53 auf 17 ab.

Deshalb ließen sich die Städte – und zwar gerade mittlere bis kleine – ihre Studenten etwas kosten. Seit die nassauischen Nester Siegen und Herborn Ende des 16. Jh.s Hochschulen bekommen hatten, bauten sie für viel Geld universitätseigene Back- und Brauhäuser, spendete die städtische Ehrbarkeit eifrig Mensa-Freitische für bedürftige Studiosi. Man studiere hier viel besser als in großen Unis, schrieb denn auch ein in Herborn gelandeter Schweizer 1609 begeistert nach Hause, weil die Lebenshaltungskosten viel günstiger seien als anderswo („..., quod victus viliori pretio suppeditatus est quam alibi“).

Die größte deutsche Universitätserfolgsgeschichte – diejenige des 1737 gegründeten Göttingen – ist die Geschichte eines Kaffs, das es schaffte, sich in einen einzigen großen Campus zu verwandeln.

Die Französische Revolution und die Restauration wirkten einträchtig zusammen, die Autonomie von Städten wie Universitäten zu zerstören. Zwischen 1792 und 1818 wurden viele kleine Hochschulen aufgelöst. Sie galten als unrentabel, als unruhig, als zu gut verwurzelt im städtischen Umfeld (insofern nämlich, dass vielerorts Lehrstühle zum Erbbesitz ortsansässiger Gelehrtenfamilien geworden waren).

Ein mächtiger nationaler Staat regierte die Universitäten nach einheitlichen Reglements über die Köpfe der Städte hinweg. Erst als dieser Staat seit Beginn des 20. Jh. in die Krise geriet, traten wiederum Städte (große diesmal) als Hochschulstifter hervor. Drei Universitäten sind in der ersten Hälfte des 20. Jh. in Deutschland gegründet worden: Frankfurt (1914), Köln und Hamburg (beide 1919). Alle drei gehen auf städtische Initiativen zurück.

Gemeinsam war den Patriziern, die sie ins Leben riefen, der Wille, modernes Unternehmertum akademisch zu fundieren. Wer nämlich, so formulierte Christian Eckert, der zusammen mit Adenauer das Kölner Projekt vorantrieb, „zu den höheren und höchsten Stellen der kaufmänni-schen Laufbahn emporsteigen will“, brauche jenen internationalen Überblick und jene Urteilskraft, „den nur die Hochschule gewähren kann“. Deshalb bemühten sich diese Universitäten um bessere Chancen für Quereinsteiger und für Studierende aus bildungsfernen Schichten (so v. a. in der sozialdemokratischen Gründung Hamburg), um die gezielte Förderung von Auslandsstudien.

Der Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes hoffte 1899 zudem, „daß die gemeinsame Lernzeit zwischen Juristen einerseits und Kaufleuten und Industriellen andererseits manche Beziehungen für das Leben begründen und gegenseitig zur Überwindung mancher Vorurteile diensam sein wird“.

Das heißt allerdings gerade nicht, dass hier ausschließlich kommerziell verwertbares Wissen gezählt hätte. Im Gegenteil: als erfolgreiche (nämlich gebildete) Unternehmer wussten die Hamburger, Kölner und Frankfurter Stadtväter vielmehr, dass eine moderne Hochschule eine Universitas des gesamten modernen Wissens verkörpern muss. Deshalb errichteten sie nicht nur die ersten Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten, sondern auch so unkonventionelle Institute wie solche für Sozialforschung, Vergleichende Religionswissenschaft, Afrikanistik oder Kulturwissenschaft und besetzte diese mit schillernden Figuren wie Max Horkheimer, Martin Buber, Max Scheler, Leo Frobenius oder Aby Warburg.

Ein letztes Schlaglicht, diesmal auf Wuppertal im Jahre 1974. Damals gab das städtische Presse- und Werbeamt ein Heftchen heraus, in dem 30 Bürgerinnen und Bürger aus Wuppertal, Remscheid und Solingen die Frage beantworteten: „Was haben wir von der Bergischen Universität?“ Die meisten sahen in der (seit zwei Jahren laufenden) Hochschule eine Kostenersparnis: Studierende müssten nicht mehr bis Köln fahren, sondern könnten billig bei den Eltern wohnen.

Für Geschäftsleute bedeute die BU „sicher auch ein[en] wirtschaftliche[n] Aufschwung“ sowie „die Möglichkeit, unser Fachwissen zu erweitern“. „Es werden neue Pinten entstehen“, hoffte einer. Nur sei wäre es „nicht wünschenswert, wenn die Universität ein Staat in der Stadt würde“. „Daß die Studenten allzu viel Unruhe bringen werden“, glaubte der Kfz.-Meister Günter Varoquier nicht: „Gott, wir waren auch mal jung.“

Damit breche ich ab. Was war zu zeigen?
1. dass Wuppertaler gar keinen Historiker brauchen, um den Wert einer guten Verbindung zwischen Stadt und Universität zu schätzen.
2. dass aber gerade historische Beispiele beweisen, dass Städte wie Universitäten Provinzialität gerade dadurch verhindern, dass sie sich konstruktiv miteinander vernetzen.
3. dass beide durch eine solche Kooperation viel gewinnen – soviel, dass wir auf ein Braurecht für Professoren (vorerst) getrost verzichten können.

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Druckversion von http://www.presse.uni-wuppertal.de/2010/1208_redewalther.html