Gleichstellungspreisverleihung 2010

22.06.2011

Laudatio von Dr. Christel Hornstein

Gleichstellungspreisverleihung 2010

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
liebe Gäste,

es ist heute ein Tag der besonderen Ereignisse, an dem sich der Festakt zur Verleihung des Gleichstellungspreises in bester Gesellschaft befindet, nicht zuletzt durch die Wahl des neuen Formats als öffentlicher Teil einer Senatssitzung.

Die Bergische Universität vergibt im Rahmen ihres Förderprogramms „Qualität, Anreiz und Erfolg“ zum 5. Mal einen Gleichstellungspreis für hervorragende, innovative Projekte und strukturelle Maßnahmen auf dem Gebiet der Gleichstellung, der in diesem Jahr an die Fachgruppe Mathematik und Informatik verliehen wird,

vertreten durch

die Professorinnen Margareta Heilmann, Birgit Jacob, Kathrin Klamroth (Fachgruppensprecherin) und Professor Bruno Lang (Prodekan Studium).

Gewürdigt werden damit die Leistungen der Fachgruppe, den Frauenanteil auf den wissenschaftlichen Qualifikationsstufen deutlich zu steigern. Mit einem für die Naturwissenschaften ungewöhnlich hohen Professorinnenanteil von 24 % belegt das Fach eine bundesweite Spitzenposition und erfüllt in vorbildlicher Weise gleich mehrere Kriterien der Ausschreibung:

- die überdurchschnittlich erfolgreiche Umsetzung von Gleichstellungsplänen
- die Förderung von Frauen in Naturwissenschaft und Technik und
- Maßnahmen zur Erhöhung des Frauenanteils an Professuren.

Die Wissenschaft Mathematik ist in ihrer über 2500-jährigen Geschichte ganz überwiegend von Männern entwickelt und tradiert worden. 1915 durchkreuzt in Deutschland die Mathematikerin Emmy Noether das männliche Habitat mit ihrem Begehren, habilitieren zu wollen. An preußischen Universitäten gilt eine Verfahrensordnung, die ausdrücklich nur Männer zur Habilitation zulässt.

Das Ansinnen löst in der Wissenschaftlergemeinde aufgeregtes Befremden aus, das der Göttinger Historiker Karl Brandi bereits 1907 pointiert in einer ablehnenden Stellungnahme zur Sprache bringt mit der Begründung, dass die bisherige wissenschaftliche Produktion der Frauen es keineswegs rechtfertige, eine so tief in das Wesen der Universitäten eingreifende Änderung vorzunehmen und dass der Eintritt der Frauen in den Organismus der Universitäten als eine Beeinträchtigung des menschlichen und moralischen Einflusses der männlichen Universitätslehrer auf ihre bis dahin leidlich homogene Zuhörerschaft zu betrachten ist.

Aber auch weitere kritische Stimmen wie die des Philosophen Edmund Husserls können nicht verhindern, dass die homosozialen Kooptationspraktiken zunehmend unter Legitimationsdruck geraten. Das Habilitationsverbot für Frauen fällt, infolgedessen Emmy Noether 1919 die venia legendi in Mathematik verliehen wird. Sie gilt als eine der bedeutendsten Neugestalterinnen der Mathematik im internationalen Maßstab. Eine bezahlte Professur bleibt ihr trotzdem zeitlebens versagt.

Erst 1951 wird mit Ruth Moufang die erste Frau auf eine Professur für Mathematik in Deutschland berufen.

Und vor fast genau 30 Jahren, zum 01.04.1981, tritt mit Silke Schlosser-Haupt, deren überraschenden Tod am 17. Mai diesen Jahres wir zutiefst bedauern, die erste Mathematikprofessorin ihren Dienst an der Gesamthochschule Wuppertal an. Sie folgt damit einem Ruf auf die Professur „Angewandte Naturwissenschaften, insbesondere Numerische Mathematik/Informatik“. Zu dieser Zeit gibt es in der Disziplin nur wenige Frauen und über einen Zeitraum von 15 Jahren wird sie die einzige Mathematikprofessorin in Wuppertal bleiben.

Verstärkung erhält sie 1996 durch die Berufung von Margareta Heilmann, die das Fach „Optimierung“ vertritt. Mit zwei Professorinnen ist der Fachbereich Mathematik vergleichsweise gut aufgestellt. Dadurch war es möglich, dass nun auch Wissenschaftlerinnen in wichtigen Gremien wie Berufungskommissionen, Fachbereichsrat und Strukturkommission Einfluss nehmen konnten. Mit viel Engagement, Überzeugung und Augenmaß - unterstützt von ihren männlichen Kollegen - haben die beiden Professorinnen darauf hingewirkt, die Ziele des Frauenförderplans bzw. heutigen Gleichstellungsplans umzusetzen.

Mit dem Gleichstellungsplan 2007-2010 hatte sich die Fachgruppe das ambitionierte Ziel gesetzt, 2 der 5 freiwerdenden Professuren mit Frauen zu besetzen. Durch die Berufungen von Kathrin Klamroth („Optimierung“), Barbara Rüdiger-Mastandrea („Stochastik“), Birgit Jacob („Funktionsanalysis“) und Katrin Rolka („Didaktik und Geschichte der Mathematik“) wurde dieses Ziel weit übertroffen. Insgesamt konnten 4 von 8 freiwerdenden Professuren mit Frauen besetzt werden. Die Neuberufungsquote von 50 % spricht für sich.

Aktuell lehren und forschen 16 Professoren und 5 Professorinnen in der Mathematik und Informatik, davon haben 3 Wissenschaftlerinnen eine W3-Stelle inne. Das entspricht einem Professorinnenanteil von 24 % und einem Frauenanteil von 27 % an den höchstdotierten Stellen, eine einmalige Zahl in den naturwissenschaftlichen Fächern der Bergischen Universität.

Die Fachgruppe liegt damit aber auch deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 12,5 % in 2010 und ein Vergleich mit anderen Universitäten in Nordrhein-Westfalen bestätigt, dass sie eine der Spitzenstellungen einnimmt. So gibt es an den Universitäten Bochum und Hagen in den einschlägigen Fächern nur eine Professorin, in Aachen, Bonn, Dortmund und Köln sind 2 Professorinnen tätig, jeweils 3 Professorinnen arbeiten in Bielefeld und Paderborn, an der Universität Duisburg-Essen lehren 4 Professorinnen und nur die Universität Münster hat 5 Mathematik-Professorinnen vorzuweisen.

Während in früheren Zeiten die Besetzung von Gremien und Kommissionen mit Frauen zeitweise zu sehr hohen Belastungen für die Kandidatinnen führte, ist die Situation durch die Neuberufungen deutlich entspannter. Mit 5 Professorinnen ergibt sich nun auch Freiraum zur stärkeren Wahrnehmung von Leitungsaufgaben. So trägt zum Beispiel Frau Klamroth als Sprecherin der Fachgruppe Mathematik und Informatik zusätzlich besondere Verantwortung.

Bei den Promotionsstudierenden ist der Frauenanteil inzwischen auf beachtliche 33 % angestiegen. Da sich der wissenschaftliche Nachwuchs aus den Promovierenden rekrutiert, kommt diesem Wert im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen eine besondere Bedeutung zu.

Ziel des letzten Gleichstellungsplans war es, den Anteil der weiblichen Studierenden in den Studiengängen Mathematik ohne Lehramt auf circa 35 % zu erhöhen und bei der Wirtschaftsmathematik auf dem erfreulich hohen Wert von 44 % zu stabilisieren. Laut aktueller Studierendenstatistik sind 44 % der Bachelorstudierenden in der Wirtschaftsmathematik weiblich, und die Zielvorgabe in der Mathematik ohne Lehramt wird mit 39 % in der Mathematik und 37 % in dem Studiengang Angewandte Naturwissenschaften deutlich übertroffen.

Viele der heutigen Erfolge basieren auch auf langjährigen Aktivitäten der Nachwuchsgewinnung, die zum Teil weit vor Studienbeginn ansetzen. Dazu gehört die seit 1998 durchgeführte SommerUni für Mädchen in Technik und Naturwissenschaften, an der sich die Fachgruppe Mathematik und Informatik von Anfang an mit einem attraktiven Programm beteiligt. Mit Schnuppervorlesungen, Experimentieren mit MathePrisma und Gesprächsrunden mit berufstätigen Mathematikerinnen werden Schülerinnen interessante Studien- und Berufsperspektiven aufgezeigt.

Die Studieninformationsveranstaltungen wie Primanertag, Schülerinformationstage und Abi-Messen werden ebenfalls zur gezielten Anwerbung von Schülerinnen genutzt. Und nicht zuletzt dienen die bereits fünfmal vom Fachbereich durchgeführten Kinderforschertage auch dem Ziel, Mädchen schon sehr früh für MINT-Fächer zu begeistern.

An dieser Stelle könnte ich nun die Laudatio beenden, wenn nicht mit der erfolgreichen Berufung von Frauen innerhalb eines schmalen Zeitfensters von 2008 bis 2010 ein unbeabsichtigter Nebeneffekt entstanden wäre – zum Wohle der Universität und des Gleichstellungsanliegens.

Es ist der Berufungspolitik der Fachgruppe, die ihre Verfahren ungewöhnlich zügig durchgeführt hat und dabei auch neue Qualitätsmaßstäbe für die Rekrutierung weiblicher High Potentials setzte, zu verdanken, dass wir uns am Professorinnenprogramm des Bundes und der Länder beteiligen konnten, weil wir die formalen Voraussetzungen für einen Wettbewerb im Windhundverfahren erfüllten. Im Ergebnis haben wir eine auf 5 Jahre angelegte Förderung von 2 Regelprofessuren in der Mathematik erhalten, deren Zweckbestimmung darin besteht, in neue innovative Gleichstellungsvorhaben zu investieren, die mit dem Genderprofil der Universität korrespondieren.

Die Fachgruppe beabsichtigt, mit dem Preisgeld in Höhe von 5000 Euro einen mehrtägigen Workshop für Masterstudentinnen, Doktorandinnen und Wissenschaftlerinnen durchzuführen, um den Austausch zwischen Studentinnen und Wissenschaftlerinnen zu fördern. Ein wichtiger Aspekt hierbei ist die Vorbildfunktion der Professorinnen und ein sich daraus ergebendes Mentoring. Während dieses Workshops wird das Thema „Frauen in der Mathematikgeschichte“ gemeinsam besprochen. Außerdem soll zur Motivation, ein Promotionsstudium aufzunehmen, sehr guten Masterstudentinnen der Besuch einer Fachtagung ermöglicht werden.

Hiermit möchte ich den Akteurinnen und Akteuren ganz herzlich gratulieren und ein gutes Gelingen wünschen - auch im Namen der Gleichstellungskommission.

Ich bitte nun den Rektor, den Preis zu vergeben, den stellvertretend für die Fachgruppe Frau Heilmann entgegennehmen wird, die 2006 bereits eine andere Auszeichnung erhalten hat: den Lehrlöwen der Bergischen Universität.

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