Untersuchung über Talkshowauftritte von Politikern liegt vor

27.10.2011

Riskante Bühnen für Politiker

Untersuchung über Talkshowauftritte von Politikern liegt vor

Ob in den freitagabendlichen Stuhlkreisen im dritten Programm, auf dem Maischberger-Sofa oder am Beckmann-Tisch: In den Unterhaltungstalkshows des deutschen Fernsehens „menschelt es“. Wenn Politiker in Gesprächsrunden neben Prominenz aus Show-, Sport- und Musikbusiness Platz nehmen, zeigen sie ihre persönliche und private Seite. Ihnen geht es dabei um Bekanntheitssteigerung und Sympathiepunkte in der Wählerschaft. Doch die Bühne zur Selbst-Präsentation kann schnell zum medialen Glatteis werden. Unter Leitung der Wuppertaler Soziologin Prof. Dr. Ludgera Vogt und des Marburger Medienwissenschaftlers Prof. Dr. Andreas Dörner haben Forscher der Bergischen Universität und der Universität Marburg in einem gemeinsamen Projekt die Inszenierungschancen und -risiken von Politikerauftritten in „Personality-Talkshows“ untersucht. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) förderte das Projekt mit rund 240.000 Euro.

In ihrem interdisziplinären Projekt „Die doppelte Kontingenz der Inszenierung“ gingen die Forscher den Fragen nach, welche Ziele Politiker mit ihren Auftritten in Personality-Talkshows verbinden, wie sie sich darauf vorbereiten und welches Bild von Politik die Medien durch solche Darstellungen verbreiten.

Im „Superwahljahr 2009“ haben Politiker über 100 Mal unterhaltungsorientierte Talkshows wie „3 nach 9“ (Radio Bremen) und „Kölner Treff“ (WDR) besucht. Das Forscherteam hat alle Auftritte analysiert und unter handlungstheoretischer Perspektive ausgewertet. Dabei untersuchten die Soziologen und Medienwissenschaftler nicht nur Moderatoren, Gäste und Publikum, sondern auch Kameraarbeit, Schnitt und Montage. Ein Ergebnis: Obwohl die Sendungen strukturell immer ähnlich aufgebaut sind, werden Politiker in ganz unterschiedlichen Kontexten präsentiert.

Die Wissenschaftler identifizierten fünf typische Gesprächsrahmen: Über rein sachpolitische Debatten hinaus kann ein Politiker-Auftritt inszeniert werden als Krisen- oder als Coming-of-Age-Erzählung, d.h. als Inszenierung der Biographie des politischen Akteurs als Reifungsprozess. Auch lassen sich Anleihen bei Casting-Shows oder Comedy-Darbietungen finden. Die Variationsbreite stellt hohe Anforderungen an die Inszenierungsprofessionalität politischer Akteure, damit sie nicht „aus dem Rahmen fallen“.

Wie die Politik mit dieser Herausforderung umgeht, sollten 45 qualitative Interviews klären, die die Wuppertaler Soziologen mit Politikern (ehemaligen Bundesministern und Ministerpräsidenten), Beratern und Medienschaffenden (Redaktionsleitern und Regisseuren) geführt haben. Die Gespräche machten deutlich, wie eng Eigeninteressen von Medien und Politik miteinander verflochten sind: Die Sender erzielen mit Einblicken in das Privatleben von Politikern hohe Einschaltquoten.

Prof. Ludgera Vogt: „Politiker erreichen für sie eher schwer zugängliche Zuschauerschichten und begreifen Personality-Talkshows als öffentlichkeitswirksame Bühnen für ihre Selbstdarstellung jenseits sachpolitischer Funktionsrollen. Trotz der symbiotischen Zusammenarbeit ereignen sich in den Gesprächsverläufen häufig unvorhersehbare Situationen, beispielsweise wenn sich ein Schlagersänger in die Debatte einmischt.“ Dazu komme die Inszenierung des Fernsehens, die dem Geschehen jeweils ganz eigene Bedeutungen verleihe. Das Forscherteam fand heraus, wie diese Faktoren vor und hinter den Kameras die Selbstdarstellung von Politikern bei Auftritten in Personality-Talkshows beeinflussen und stören.

„Es kann kaum überraschen, dass Politiker Kontingenzmanagement betreiben, also großen Wert auf die Kontrolle potentieller Gefährdungen ihrer Selbstdarstellung legen. Unsere ethnographische Studie hat offengelegt, wie Politiker mit Talkshowredaktionen Gesprächsthemen absprechen und inhaltliche Grenzen abstecken“, erklärt die Wuppertaler Soziologin. Die akribische Vorbereitung von Politikern auf Medienauftritte werde häufig von Beratern professionell unterstützt. Das Wuppertaler Projektteam nahm selbst an Medienberatungsseminaren teil, um Rhetorik-Techniken zu erforschen, die Politiker bei konfrontativen Angriffen oder unliebsamen Nachfragen einsetzen.

Im Rahmen ihres Forschungsprojekts stießen die Wissenschaftler auch auf Politiker, die einzelne Mediendarstellungen trotz aller Vorbereitung als unvorteilhaft empfinden. „Ihnen bleibt, sich mit Kritik an die verantwortlichen Redakteure zu wenden oder in letzter Instanz gar mit einer Beschwerde den Rundfunkrat anzurufen“, sagt Prof. Vogt.

Zurzeit arbeiten die Wissenschaftler an der Buchpublikation zu ihrem Forschungsprojekt. „Durch die gegenwärtige Talkshow-Offensive im deutschen Fernsehen wird der Stoff für Anschlussforschungen nicht allzu schnell ausgehen“, so die Forscher.

Kontakt:
Prof. Dr. Ludgera Vogt
Allgemeine Soziologie, Interaktions- und Handlungstheorien
Telefon 0202/439-3951
E-Mail lvogt@uni-wuppertal.de

Matthias Bandtel, M.A.
Projektkoordinator Standort Wuppertal
Telefon 0202/439-3425
E-Mail bandtel@uni-wuppertal.de

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