Tagung „Habermas und der Historische Materialismus“ eröffnet

23.03.2012

Jürgen Habermas zu Gast: Bedeutendster Sozialphilosoph der Gegenwart

Tagung „Habermas und der Historische Materialismus“ eröffnet

(Aktualisiert 26.03.2012) Mit einem großen Kompliment von Jürgen Habermas an Veranstalter Prof. Dr. Smail Rapic ist am Sonntagnachmittag die dreitägige Konferenz „Habermas und der Historische Materialismus“ zu Ende gegangen. Der „bedeutendste Sozialphilosoph der Gegenwart“ (Dekan Prof. Dr. Gerrit Walther) war zum allerersten Mal in Wuppertal, dem „bergischen Zentrum“, wie er, der im bergischen Gummersbach aufgewachsen ist, sagte. Habermas erwähnte in seinem Schlusswort, Bundespräsident Johannes Rau habe ihn auf die Bedeutung Wuppertals als Geburtsstadt von Friedrich Engels hinsichtlich der Geschichte des Marxismus hingewiesen. Jürgen Habermas bekannte, er habe die Einladung zunächst mit gemischten Gefühlen angenommen, sei aber im Verlaufe der drei Tage zunehmend erleichtert gewesen. Und an Prof. Rapic gewandt sagte Habermas: „Sie haben alles mit unsichtbarer Hand geleitet. Es war eine wunderbare Tagung!“

Rektor Prof. Dr. Lambert T. Koch hatte die Tagung im Beisein von mehreren hundert Gästen am Freitag Nachmittag  eröffnet. Es sei für die Bergische Universität eine besondere Ehre, Prof. Dr. Jürgen Habermas zu dieser geschichtsträchtigen Veranstaltung in der Geburtstadt von Friedrich Engels persönlich begrüßen zu dürfen, sagte der Rektor. Die Anwesenheit des „öffentlichen Intellektuellen“ Habermas verleihe ihr Glanz vor einer breiten Öffentlichkeit. Der Kapitalismus befinde sich in einer Existenzkrise, materielle Triebkräfte seien „außer Rand und Band“, gefragt seien sozialverträgliche Problemlösungen. Der Dekan des Fachbereichs Geistes- und Kulturwissenschaften, Prof. Dr. Gerrit Walther, dankte dem Ideengeber und Organisator der dreitägigen Veranstaltung, dem Philosophen Prof. Dr. Smail Rapic, für die „ambitionierte, großartige Tagung“. Prof. Walther bezeichnete Jürgen Habermas als den bedeutendsten Sozialphilosophen der Gegenwart.

Auf der Tagung diskutierten Experten aus Philosophie, Soziologie, Politologie und Rechtswissenschaft mit Jürgen Habermas vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Systemkrise des globalisierten Kapitalismus das gesellschaftstheoretische Potential des Historischen Materialismus von Marx und Engels, an den Habermas bis zum Ende der 70er Jahre angeknüpft hat.

In seinem neuesten Buch „Zur Verfassung Europas“ wertet Habermas die gegenwärtige Wirtschaftskrise als Systemversagen des Kapitalismus und warnt vor der Aushöhlung demokratischer Entscheidungsstrukturen durch das wirtschaftspolitische Krisenmanagement. Die Konsolidierungsprogramme von Europäischem Rat und Internationalem Währungsfonds (IWF) laufen nach Habermas darauf hinaus, Imperative der Märkte durch Sanktionsandrohungen und Pressionen gegenüber entmachteten nationalen Parlamenten durchzusetzen. Mit dieser Diagnose bekräftigt Habermas seine schon vor Jahrzehnten formulierte These, dass Kapitalismus und Demokratie in einem unauflöslichen Spannungsverhältnis stehen.

Auf der Wuppertaler Tagung wurde das breite Spektrum von Habermas´ Auseinandersetzung mit Marx und Engels vor dem Hintergrund aktueller Forschungsdiskussionen erörtert. Es umfasst das Verhältnis von Ökonomie und Politik, die Geschichte des Moralbewusstseins und des Rechts und nicht zuletzt Habermas´ Konzeption des herrschaftsfreien Dialogs als Leitmodell zivilgesellschaftlicher Öffentlichkeit.

Bis Ende der 1970er Jahre hat Habermas das Programm einer „Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ von Marx und Engels verfolgt. Seit seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) vertritt er jedoch den Standpunkt, dass das Scheitern der „revolutionären Erwartungen“ von Marx und Engels fundamentale Schwächen ihrer Theorie offenbare. In einem Zeit-Interview erklärte Habermas 2008, seit 1989/90 gebe es „kein Ausbrechen mehr aus dem Universum des Kapitalismus“. Es könne nur noch um eine „Zivilisierung und Zähmung der kapitalistischen Dynamik von innen gehen“. Auf der Wuppertaler Tagung wird diskutiert, ob in der gegenwärtigen Systemkrise des globalisierten Kapitalismus die Forderung nach einer „Kontrolle wirtschaftlicher Verfügungsmacht“, die Habermas 1970 gegenüber Willy Brandt erhoben hatte, wieder aktuell ist.

Die Tagung war prominent besetzt: Mit den Marx-Interpretationen des Philosophen Prof. Georg Lohmann und des Soziologen Prof. Hauke Brunkhorst hat sich Habermas in seiner Theorie des kommunikativen Handelns auseinandergesetzt. Prof. Michael Quante, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, und Dr. Ingo Elbe sind in den letzten Jahren als Marx-Forscher hervorgetreten. Die Politologin Prof. Regina Kreide ist Mitherausgeberin des Habermas-Handbuchs. Der Soziologe Prof. Stefan Müller-Doohm arbeitet zur Zeit an einer umfassenden Habermas-Biographie. Zu Gast waren ferner Prof. William Outhwaite, einer der führenden angelsächsischen Habermas-Experten, Prof. Karl-Otto Apel, einer der bedeutendsten deutschen Philosophen der Nachkriegszeit, und Prof. Agnes Heller, Schülerin von Georg Lukács, die die Hannah Arendt-Professur an der New School for Social Research in New York innehatte.

www.habermas-tagung.uni-wuppertal.de


Kontakt
:
Prof. Dr. Smail Rapic
Fachbereich Geistes- und Kulturwissenschaften
E-Mail rapic@uni-wuppertal.de

Andreas Thomas M.A.
Telefon 0202/439-2399
E-Mail habermas-tagung@uni-wuppertal.de

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