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Vicco von Bülow

"Leider ist in den ersten Semestern des Hochschulstudiums eine systematische Einbindung der Großmütter bisher nicht durchsetzbar."

Dankesrede anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde am 22. Juni 2001

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Dr. h. c. Vicco von Bülow

"Die Bergische Universität Wuppertal hat mich hoch geehrt.

Erfüllt von Dankbarkeit und Rührung, im Besonderen nach den Worten, die Herr Professor Rölleke für mich fand und in Kenntnis der erstaunlich präzisen Dissertation von Herrn Dr. Neumann über einen Gegenstand, als der ich mich hier unfreiwillig im Mittelpunkt befinde, aber auch entzückt von der meisterlichen musikalischen Umrahmung, nähre ich die bange Hoffnung, es möge sich nicht um einen Irrtum handeln.

Vorsichtshalber lasse ich einen kurzen, intimen Abriss meines Bildungsweges folgen, um dem Hohen Hause eine letzte Gelegenheit zu geben, seinen Entschluss zu überdenken.

Ein Irrtum liegt insofern nahe, als meine Vorfahren seit Hunderten von Jahren Wohlbefinden und Berufung weniger im Lichte der Wissenschaften suchten, als auf dem rauhen Boden ostelbischer Guts- und Kasernenhöfe. Leider kann ich für mich da keine Ausnahme in Anspruch nehmen. Als ersten verbürgten Eindruck meines Lebens empfing ich den Blick auf eine rötliche Kasernenwand, deren wilhelminisch dekorativ geziegelte Oberfläche zunächst dem Auge, später auch dem Griff des schwankenden Kleinkindes Zuversicht und Stütze bot. Das geschah in der Stadt Brandenburg. Seither verschwimmen in meiner Erinnerung altväterliche Kasernenbauten und die mütterliche Brust zu einem harmonischen Ganzen.

Hinzu kommt, dass der Kinderwagen, in dem ich meine ersten Monate an frischer Luft verlebte, sich nicht nur in günstiger Sichtweite vor der erwähnten Fassade befand. Er stand auch in Hörweite zum Mittelpunkt der militärischen Ausbildung dem Kasernenhof. Was ich unschuldigen Ohres von dort vernahm, war meine erste Begegnung mit dem Wunder der Sprache. Nur wenige, offensichtlich aus einer einzigen menschlichen Kehle befreite, lautstarke Vokale mit knappester Konsonantenbildung genügten, um viele Menschen in gleichförmige, rhythmische Bewegung zu versetzen.

Das ist jetzt über 75 Jahre her, aber ich empfinde es immer noch als beschämend, dass ich damals keinen kritischen Gedanken entwickelte, auf den ich heute stolz sein könnte: über den Missbrauch der Sprache etwa oder anderes Naheliegende.

Aber ich war eben als Säugling des Jahrgangs 1923 ein Produkt der Inflation mit vordergründigem Interesse für Geld und Besitz.

Wie soll auch ein Säugling geistige Maßstäbe entwickeln, nach denen es sich zu leben lohnt, wenn seine Strampelhosen Milliarden gekostet haben! Eine zur Gewohnheit werdende Überschätzung materieller Werte drohte mein Leben zu ruinieren. Glücklicherweise fiel mit der Einführung der Rentenmark ein paar Monate später der Preis für eine Strampelhose auf 3 Mark 50. Das hat sich bis heute günstig auf meinen Charakter ausgewirkt.

Leider nahm das Eheglück meiner Eltern ein frühes Ende. Ich verließ Brandenburg und fand mit meinem ein Jahr jüngeren Bruder für sieben Jahre Aufnahme bei zwei alten Damen, meiner Großmutter und meiner Urgroßmutter, die beide nach dem Verlust ihrer Ehemänner in Berlin-Wilmersdorf, Pariserstraße 55, zusammenlebten.

Schräg gegenüber wohnten Weizsäckers. Sie sind uns seinerzeit nicht aufgefallen, wohl weil der Bundespräsident damals erst etwa zehn Jahre als war.

Im Jahre 1930 reifte in der Familie der Entschluss, mich zur Schule zu schicken. Nicht, weil man sich Besonderes davon versprach. Aber - das sage ich nicht ohne Stolz - auch meine Eltern haben eine Schule besucht. Im übrigen war die zuständige Volksschule, der ich meine bescheidenen Kenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen verdanke, günstig gelegen. Sie befand sich keine zehn Minuten entfernt in der Nachodstraße 17.

Berliner Straßennamen waren seit je das unverzichtbare Fundament volksnaher Allgemeinbildung. So lässt also der Straßenname „Nachod“ damals wie heute das Herz jedes sechsjährigen Grundschülers höher schlagen. Erinnert er doch an eine böhmische Kleinstadt, in deren Nähe am 27. Juni 1866 die Österreicher eine empfindliche Niederlage erlitten. Allerdings befindet sich in der Nachodstraße jetzt keine Schule mehr, sie wurde 1943 aus der Luft zerstört. Merkwürdigerweise nicht durch die Österreicher.

Als ich einigermaßen fließend lesen konnte, also Anfang der Dreißiger Jahre, beendete ich meine Lektüre unzerreißbarer Kinderbücher und entnahm der Bibliothek meiner Großmutter eine Auswahl klassischer Werke, von denen ich annahm, daß sie einer zukünftigen Existenz als Dr. phil. honoris causa dienlich sein dürften.

Vor allem zwei Werke haben mich geprägt: Kürschners Conversationslexikon von A bis Z in einem Band und Robinson in einer leicht fasslichen Bearbeitung von Joachim Heinrich Campe. Das Conversationslexikon enthielt vor allem einen Anhang mit zahllosen Portraits weltgeschichtlicher Persönlichkeiten in Briefmarkengröße. Ihnen verdanke ich einen bleibenden Eindruck von wirklichen Format sogenannter großer Menschen. Die Großmutter weckte mein frühes Interesse für das Leben der Dargestellten durch unterhaltsame historische Details wie Enthauptungen, Vielweiberei und Ähnliches. Großmütter kennen die bevorzugten Wege der kindlichen Phantasie und verfügen zur Wahrnehmung ihres pädagogischen Auftrags unbegrenzt über Raum und Zeit. Leider ist in den ersten Semestern des Hochschulstudiums eine systematische Einbindung der Großmütter bisher nicht durchsetzbar.

Es sei noch hinzugefügt, dass Kürschners Lexikon den Wissensstand von 1890 nicht überschritt. Daher blieb mir die jüngere Geschichte zum Glück weitgehend unbekannt.

Die nachhaltige Wirkung des Robinson schließlich beruhte auf der Entdeckung, daß in meinem Exemplar an entscheidender Stelle eine Seite fehlte. So endete bereits im Kindesalter mein Glaube an die Unfehlbarkeit gedruckten Bildungsgutes.

Enttäuscht konzentrierte ich mich im Verlauf der nächsten zwanzig Jahre auf die Begegnung mit einer geeigneten Lebensgefährtin. Das gelang 1951 nach zeitraubenden Umwegen über ein humanistisches Gymnasium, nach bedauerlicher Tätigkeit in einer feldgrauen, schlagenden Verbindung und sechs Semestern Kunstakademie. Nun befindet sich meine Frau schon seit mehr als fünfzig kurzweiligen Jahren an meiner Seite, wobei sie meine Behauptung „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen“ ebenso vehement bestätigt wie liebevoll widerlegt.

Zu Beginn meiner Ausführungen hatte ich angeregt, man möge den Anlass dieser Feierstunde noch einmal überprüfen, um ihn gegebenenfalls für einen Widerruf zu nutzen. Dafür wäre nun Gelegenheit. Allerdings halte ich meine biographischen Bekenntnisse nach erneuter Durchsicht doch für eindrucksvoller, als ich dachte und schließe mit der Bitte, das Gehörte vertraulich zu behandeln.

Ich danke Ihnen."


Redaktion: Rainer Stephan, Dez 2.2