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Professor Dr.Heinz Rölleke

Laudatio auf Vicco von Bülow
anläßlich der Ehrenpromotion durch den Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal

am 22. Juni 2001
(es gilt das gesprochene Wort)

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Magnifizenz, Spectabilitäten, meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr verehrter Herr von Bülow!

Die Textsorte der Laudatio läßt den Germanisten unweigerlich nach Zitaten suchen, in denen das Lob trefflicher formuliert ist, als er es ausdrücken könnte.

So sage ich also mit Hugo von Hofmannsthal "Mir ist die Ehre widerfahren...", was hier und jetzt aber unbedingt weiterzuführen ist, nämlich: "Uns ist die Ehre widerfahren", daß Vicco von Bülow die ihm von der Bergischen Universität zugedachte Würde eines Ehrendoktors anzunehmen geneigt ist und daß er unsere Hochschule heute mit seiner Gegenwart beehrt; dafür danke ich im Namen aller..

Die Laudatio des Doktorandus könnte ihren Anfang mit den Eingangsworten Wilhelm Raabes zu den "Gänsen von Bützow" ("Bützow" - nicht Bülow) nehmen: "Möge ein anderer den Zorn des göttlichen Helden Achilleus, oder die Irrfahrten des klugen Dulders Odysseus, ein anderer die Leiden und Freuden des tapfern Aeneas, des alten oder neuen Amadis, die Leiden des jungen Werther, oder der sündigen Menschen Erlösung singen, ich ... singe im hohen, höheren und höchsten Ton" - das Lob des großen Künstlers Vicco von Bülow. Da es mir aber weder musikalisch noch rhetorisch gegeben ist, "im höchsten Ton" zu singen, halte ich es bei meinem Lob der von Bülowschen Kunst lieber mit Eduard Mörike, der seinen Mozart nach Anhören einer Arie aussprechen läßt, was viele Menschen in der Begegnung mit Vicco von Bülow und seinem Werk trotz oder wegen aller satirischen Schärfe ähnlich empfinden mögen: "Was soll man sagen, hier, wo es ist wie mit der lieben Sonne, die sich am besten selbst lobt, indem es jedermann gleich wohl in ihr wird! Da ist der Seele zumute wie dem Kindchen im Bade: Es lacht und wundert sich und weiß sich in der Welt nichts besseres." In der Tat: Was Humor und Komik auf hohem Niveau betrifft, wüßten sich derzeit wenige in der Welt etwas besseres. Nicht zuletzt das hat den Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften veranlaßt, Vicco von Bülow mit der akademischen Auszeichnung zu ehren, die er sich längst und in vieler Hinsicht verdient hat. Wenn bei Ehrenpromotionen eine Benotung vergeben würde, wäre diese als summa cum laude ausgefallen, denn das Votum aller Professoren war so einstimmig, daß man die Enthaltungen kaum in einer meßbaren Prozentzahl ausdrücken könnte. Daß ausgerechnet die Wuppertaler Alma Mater den verehrungswürdigen Mann und dazu auch noch durch mich akademisch "cum laude" zu ehren beschlossen hat, ist nicht durch Loriots Verhältnis zu dieser Stadt veranlaßt worden, obwohl wir uns natürlich durch die 1976 öffentlich erwogene und weltweit beachtete Möglichkeit geschmeichelt fühlen, daß ein Lottogewinner ausgerechnet hier in Wuppertal gemeinsam mit dem Papst eine Herrenboutique eröffnen könnte oder daß seit 1974 als bevorzugter Teilnehmer der Loriotschen Benimmschule der Schwibschwager eines Mannes aus Elberfeld figuriert (es ist immerhin bemerkenswert, daß Loriot bis zur Gründung der Wuppertaler Hochschule im Jahr 1972 gewartet hat, ehe er der Stadt an der Wupper durch sein Werk ein weiteres Stück Unsterblichkeit verlieh) - und man hat auch nicht deswegen mich als Laudator bestimmt, weil Vicco von Bülows Lehrer an der Landeskunstschule in Hamburg Willem Grimm hieß. Aber mit dem Besuch dieser Schule von 1947 bis 1949 liegt denn doch ein Grundstein für die akademische Würde: Das war sozusagen das Grundstudium, dem sich dann schon sehr bald und bis heute anhaltend und sich steigernd der glänzende Nachweis anschloß, daß Vicco von Bülow ein Magister Artium in des Wortes bester Bedeutung ist. Und der Grad des Magister Artium ist ja bekanntlich Voraussetzung für eine geisteswissenschaftliche Promotion, deren Examen rigorosum sich der Künstler mit hohem Können und geradezu eiserner Schaffensdisziplin sozusagen lebenslänglich selbst abgefordert und abgenommen hat. Indem diese Promotion nun auch öffentlich erfolgt, können Sie, verehrter Herr von Büllow nun mit vollstem Recht wie Goethes Faust von sich sagen: "Heiße Magister, heiße Doktor gar."

Diese Ehrung findet landes-, ja weltweit Zustimmung. Nach seriösen Meinungsumfragen kennen und schätzen 76% aller Deutschen den Künstler, und FORSA ermittelte, daß 85% aller entsprechend Befragten Loriot für den besten und beliebtesten Vertreter der hohen Kunst des Humors und des Komischen halten. Der bedeutende Lyriker und Zeichner Robert Gernhardt nennt Vicco von Bülow dankbar und mit Bewunderung seinen Lehrer und sein Vorbild, der Philosoph Odo Marquard erblickt im Werk Loriots eine Affinität zur eigenen Disziplin, da sein Humor wie die Philosophie "die Narrenfreiheit riskieren, das zu merken und zu sagen, was man sonst nicht merken und sagen darf oder mag. Darum auch sind Lachen und Denken wirkungsähnlich"; und der Kulturkritiker Joachim Kaiser bescheinigt seiner Sprachkunst, daß sie es verdient, ihr nicht nur mit Vergnügen, sondern auch mit "Frische, Scharfsinn und Scharfgefühl" zuzuhören. Im Wuppertaler Gutachten meines Kollegen Jacobs steht zu lesen:

"Die Arbeiten Vicco von Bülows, insbesondere seine Prosa-Texte und seine Fernseh-Sketche gewinnen ihren Rang durch ihre scharfsichtige Diagnose der zeitgenössischen Gesellschaft, in der er jene 'aberwitzige Komik' sichtbar zu machen sucht, die er einmal als Kennzeichen unserer Epoche bezeichnet hat. Indem er die Absurditäten, die Verklemmtheiten, die Mißverständnisse und falschen Prätentionen darstellt, die das menschliche Zusammenleben charakterisieren, zeichnet er ein Panorama, in dem sich die Pathologie unsereres Alltgslebens sehr anschaulich spiegelt. Der kritische Blick auf die zeitgenössische Welt ist allerdings nie von schulmeisterlichen oder sittenrichterlichen Attitüden begleitet. Es kommt auch nicht zu einer pathetischen Entrüstung über die Schlechtigkeit der Welt und die Schwäche der Menschen. Vielmehr wird all das in jenem Geist dargestellt, den Jean Paul als den des Humors bezeichnet hat und der dadurch gekennzeichnet ist, daß er die einzelnen Torheiten nur als Manifestationen einer gebrechlichen und unvollkommenen Welt sehen kann. Jean Paul spricht von der 'humoristischen Milde und Duldung gegen einzelne Torheiten, weil der Humorist seine eigene Verwandtschaft mit der Menschheit nicht leugnen kann.' Solche Neigung zur Duldsamkeit des Humoristen bedeutet nun keineswegs, daß die kritische Diagnose unscharf und harmlos werden müßte. Dagegen spricht schon, daß von Bülow die Satire als eine 'Waffe' bezeichnet, und zwar als eine solche, die sich als 'zweischneidig durch Witz und Ironie' erweist."

Soweit einige Prominente und Sachkompetente. Ich darf hier aber auch meinen Frisör anführen, der tatsächlich auf den Namen Kafka hört und sich wohl mit Recht einer hintergründigen Verwandtschaft rühmt: Er bescheinigte unserer Hochschule aus vollem Herzen, daß sie an dieser Ehrung recht tue, zumal er schon immer stolz darauf gewesen sei, wie Loriot aus Brandenburg an der Havel zu stammen. Hier artikuliert sich auch so etwas wie ein gesamtdeutscher Aspekt, ähnlich dem Ausspruch einer Brandenburgischen Ministerin während der Zeit der Wende: "Christa Wolf in der DDR? - Ich weiß nicht so recht. Aber dann kam Loriot, den kannten wir auswendig." Noch in der letzten Woche hörte ich von germanistischen Kollegen der Universitäten Milano und Dublin, daß sie just ihren Studenten Loriot-Filme gezeigt und zu sprachlichen und künstlerischen Übungen mit großem Erfolg in ihren Seminaren eingesetzt hätten.

All das sind nur einige aus der Fülle der Zeugnisse für die Breiten- und Tiefenwirkung des Loriotschen Kunstwerks herausgegriffene aktuelle Beweise für eine eminente und staunenswerte Rezeptionsgeschichte, die gegenwärtig ihresgleichen sucht.

Das ist auch insofern deshalb aller Achtung wert, weil Loriot, der ja fast allen Kunstgattungen auf höchstem Niveau gerecht zu werden vermag und damit die vielzitierte Erweiterung des Kunstbegriffs wirklich mit Leben füllt, zuerst und überwiegend als Humorist und Komiker wahrgenommen wird - und wie schlecht es um die Quantität dieser Spezies in der deutschen Geistesgeschichte im allgemeinen und deren Qualität in der modernen Medienlandschaft im besonderen bestellt ist, das braucht hier nicht ausgeführt zu werden. Wenn ich Vicco von Bülows im unübertrefflichen Ton sanfter Ironie vorgetragene Selbsteinschätzung in seiner "Gänseblümchen"-Rede vom 25. Februar 1984 anläßlich der Entgegennahme des renommierten Kästner-Preises recht verstehe, sieht er das Problem einer gerechten Würdigung der komischen Kunst ähnlich: "Man habe", sagte von Bülow, "man habe in fahrlässiger Unterschätzung des Humors als solchem Erich Kästner und - in gebotenem, schicklichen Abstand - auch mir noch nicht die richtigen Plätze zwischen Lessing und Walther von der Vogelweide angewiesen." Man hört, wie hier über die ja in der Tat oft leicht fragwürdige Kononisierung oder eben Nichtkanonisierung bestimmter Autoren leise gespottet wird, indem die Chronologie bewußt umgestellt ist; darüber hinaus höre ich allerdings auch die indirekte Aufforderung, die Züge des feinen und unaufdringlichen Humors im Werk der sonst so ernsthaft und auch belehrend daherkommenden Dichter Walther von der Vogelweide und Lessing nicht zu übersehen. Bescheinigte sich Vicco von Bülow hier einen Platz im Pantheon der deutschen Literaturgeschichte hinter Erich Kästner, so darf er nach der maßgeblichen Meinung vieler Kritiker und Kenner durchaus - und zwar zumindest! - neben ihm plaziert werden.

Wie schwer man sich hierzulande indes mit der seriösen Wertung der Musensöhne Thaleias tut, das hat Vicco von Bülow schon 1971 an einem prominenten Beispiel in seiner Rede über Karikatur und Karikaturisten im Wilhelm Busch-Museum festgemacht: "Auf der Suche nach kompetenten Meinungen stieß ich auf das folgende Zitat: 'Es gehört durchaus eine gewisse Verschrobenheit dazu, um sich gern mit Karikaturen und Zerrbildern abzugeben.' Zitatende... Es stammt von Goethe, einem Schriftsteller, den ich noch bis vor kurzem für bedeutend gehalten habe. Schade...". Auch in diesem kurzen Zitat wird der Faszettenreichtum der Loriotschen Komik evident: Wie ein Tadel an Goethes Meinung in der Schwebe zwischen Ernsthaftigkeit und Heiterkeit angesiedelt wird, indem der natürlich nur scheinbar sich selbst überschätzende Karikaturist den ganzen Wert von Deutschlands größtem Dichter an dem einen Diktum festmacht, das den Wert des Karikaturistischen verkennt und sich damit in den Augen des beleidigt Tuenden als unbedeutender Schriftsteller entpuppt, wobei der beschließende Seufzer "Schade!" den Schmerz, die Enttäuschung, aber auch die gespielte künstlerische Selbstüberschätzung des Karikaturisten entlarvend und ironisch kommentiert.

Ansonsten basiert die Form der Loriotschen Komik vor allem auf dem Wort. Denn die Zeichnungen Loriots wirken nur durch den Legendentext, der im Gegensatz zu den Bildern steht und eine kontrastive Komik erzeugt. Den sprachlich und intellektuell gehobenen Texten stehen die absurd-lächerlichen, zuweilen banalen, immer allzumenschlichen Inhalte der Zeichnungen gegenüber. Die Stoffe und Motive speisen sich aus dem scharf beobachteten Alltagsleben. Hilf- und Belanglosigkeiten des menschlichen Miteinanders in Familie, Beruf, Kultur, Medien und Gesellschaft sind genau erfaßt, Leerstellen der Kommunikation werden immer wieder entwaffnend bloß gelegt.

Vicco von Bülow kann nicht nur herrlich schreiben, er kann auch interpretieren, auch wenn er es natürlich nur in Form eines gelinden Spottes auf die manchmal etwas seltsamen germanistischen Verfahrens- und Ausdrucksdweisen tut - aber wie stets bei Loriot (um mit Schiller zu sprechen) nicht in der Form der strafenden, sondern der "lachenden Satire". Loriot wandte sich sich 1993 seinem ersten literarischen Produkt, einem Schulaufsatz "Von den Zugvögeln" aus dem Jahr 1931, zu: "Wen die Zugvögel weckfliegen machen sie sich erst zu großen Scharen... Sie brüten nicht <in den warmen Ländern>, weil sie die Affen töten." Die Interpretation: "Dieses Werk hat, so unerklärlich das auch erscheinen mag, von seiten der Literaturkritik noch nicht die Beachtung erfahren, die es verdient. ... Gewiß, Mozart hat im selben Alter Klaviersonaten komponiert, aber auf literarischem Gebiet eben doch nichts zuwege gebracht, was mit den 'Zugvögeln' zu vergleichen wäre. Mit lapidarer Wucht, ohne unnötigen Wortballast, entwickelt sich der komplizierte Sachverhalt und bleibt doch anschaulich in jeder Phase des packenden Geschehens. Und wie behutsam wird das Problem des Überlebens angesprochen! Die Wortfolge 'weil sie die Affen töten' läßt offen, ob hier Affen oder Vögel ihrem Ende entgegengehen." Meine Damen und Herren, wenn das nicht die Erhebung der von Emil Staiger kreierten 'Kunst der Interpretation' durch den Künstler selbst in die zweite Potenz, nämlich die des Ironischen, ist! So wenn der unbeholfenen Eingangsaussage des Achtjährigen "die Zugvögel machen sich zu Scharen" geradezu expressionistische "lapidare Wucht" attestiert wird. Nebenbei und sozusagen auf einer Metaebene wird in eins damit in scheinbarer Unkenntnis ein Problem angesprochen, das in diesem wunderbaren Schülertext keines ist, wohl aber für viele heutige Studenten der Germanistik: Der Schülertext meint natürlich (was der Interpret nicht mehr so sehen will), daß die Affen die Vögel fressen, er drückt es aber falsch aus, denn nach seiner Formulierung fressen die Vögel die Affen - in solchen nur scheinbar doppeldeutigen Aussagen entscheidet eben die Wortstellung im Satz, was Subjekt und was Objekt ist. Die selbstironische bzw. die unangemessene Deutungswut ironisierende Interpretation aber reklamiert dies als eine bewußt offene, in der Schwebe gehaltene dichterische Formulierung: "behutsam" lasse diese Formulierung ("weil sie die Affen töten") das Problem "offen".

Damit sind wir dort angelangt, was hier unbedingt zur Sprache kommen muß: Loriots berühmte Beiträge zum deutschen Sprachschatz. Man kann es durch Jahrhunderte der Sprachgeschichte beobachten, wie schwierig es ist und wie selten es gelingt, daß bestimmte Wendungen für einige Zeit oder überdauernd in den allgemeinen Sprachschatz gelangen. In jüngerer Zeit scheint das etwa beim "Schau'n mer mal" einer sonst nicht wegen ihrer Sprachkunst bekannten Lichtgestalt der Gegenwart der Fall zu sein. Loriotsche Sprachprägungen dieser Art kann man wohl viele nachweisen. Es sei hier nur an drei erinnert. 1. Loriots unterbrechendes, vielleicht Interesse bekundendes, vielleicht aber auch Unaufmerksamkeit signalisierendes und insgesamt noch vieldeutigeres "Ach was?!" hat sich im mündlichen Sprachgebrauch in der genauen Intonation durchgesetzt, damit die heute so heftig geforderte Gesprächsfähigkeit erweitert und zudem das Mittel eines augenzwinkernden Einverständnisses geschaffen, mit dem sich Gesprächsteilnehmer auf der Loriotschen Wortschiene treffen können. 2. "Früher war mehr Lametta." Der resignierende, aber auch trotzige Seufzer eines Großvaters angesichts eines etwas neumodisch aufgeputzten Weihnachtsbaum hat sich inzwischen aus dem Kontext gelöst und steht für eine durchaus mehrschichtige, vieles in Frage stellende Aussage, etwa 'Früher war alles besser, schöner' (war's das wirklich?). 'Früher war mehr Glanz (aber auch Glitter) am Weihnachtsbaum und im Leben' (wirklich?). 'Früher stellten sich Brauchtum und wohl auch die Kunst glänzender dar; die moderne Kultur und Kunst ist dagegen verarmt' (wirklich?). Der heimliche Aufklärer Loriot macht mit einer solchen Formulierung auf engstem Raum deutlich, daß vieles nur eine Frage der Perspektive und nicht eines Wertes an sich ist. Schließlich drängt sich auch der Gedanke auf, daß nicht der Weihnachtsschmuck, sondern der Großvater aus der Mode gekommen, jedenfalls 1978 nicht auf der Höhe der Zeit ist: Lametta war inzwischen längst als umweltschädigend erkannt, entsprechend denunziert und sozusagen ausgerottet worden. 3. "Ja, wo laufen sie denn?" Dieses Geflügelte Wort stammt, was bezeichnenderweise wenige wissen, ursprünglich nicht von Vicco von Bülow, vielmehr hatte er über einen Schallplattentext von Wilhelm Bendow einen Zeichentrickfilm geschaffen, und der machte das Wort unter dem Markenzeichen Loriot allbekannt. Nicht nur die Rezeptionsgeschichte, sondern auch die distributive Durchschlagskraft Loriotscher Kreationen ist schlichtweg bewundernswert. Übrigens ist Vicco von Bülow in dieser Hinsicht in bester Gesellschaft, wenn man bedenkt, wie etwa erst Paul Celan Jean Pauls Wortschöpfung "Sprachgitter" lebendig und bekannt gemacht hat.

Kann man hier von unverächtlichen Beiträgen Vicco von Bülows zur Sprache und zur Sprachwissenschaft sprechen, so gibt es darüber hinaus eine Fülle literarischer und auch literaturwissenschaftlicher (vor allem im Sinn von Literatur erläuternder und vermittelnder) Arbeiten, die häufig zugleich die musikalischen Kenntnisse und Interessen tangieren:

Er textet neu und erschließt damit die Werke einem neuen und größeren Publikum: 1976 Saint-Saens' "Carneval der Tiere", 1988 Prokofjews "Peter und der Wolf" sowie 1999 Voltaires/Bernsteins "Candide". Er inszeniert mit hervorragender und neuartiger Interpretation der Libretti die deutschen Opern "Martha" und "Der Freischütz"; er liest 1994 in der Rolle Friedrichs des Großen (wie passend) mit Walter Jens (als Voltaire) öffentlich aus dem berühmten Brierfwechsel oder 1996 aus dem Werk Thomas Manns; mit den in der jeweiligen Saison absolut erfolgreichsten Kinofilmen "Oedipussi" (1988) und "Pappa ante Portas" (1991) setzt er als Regisseur und Schauspieler auch auf diesem Sektor künstlerisch und sprachlich hohe Maßstäbe.

Auf ein genuines Meisterwerk, das Vicco von Bülow als ausgezeichneten Literatur- und Musikkenner, vor allem aber als didaktisch höchstbegabten Vermittler von Kunst erweist, sei noch mit drei Zitaten hingewiesen. Es geht um eines der scheinbar oder tatsächlich inkommensurabelsten Bühnenkunstwerke, Richard Wagners Tetralogie "Der Ring des Nibelungen". Man kann jedem Kenner, aber auch jedem, der nur erst ein Anfangsinteresse an diesem Werk nimmt, Loriots Kurzfassung und -deutung des Bühnengeschehens samt entsprechenden Musikeinlagen uneingeschränkt empfehlen - als zusammenfassende Wiederholung (besser als jede Prosanacherzählung in Opernführern), aber auch als vergnügliches, eine wunderbare Balance zwischen ernsthafter Bewunderung und sanfter ironischer Distanz haltendes Kunstwerk sui generis genießen. "Die Täter im gewaltigsten Drama der Musikgeschichte sind eigentlich ganz nette Leute" - dieser Eingangssatz weckt unweigerlich Interesse am "gewaltigsten Drama", spricht auf interessante Weise vorverurteilend von Tätern und verblüfft dann durch die saloppe Wendung, es handle sich bei den zum Teil ja wirklich monströsen Wagnerschen Dramenfiguren um so nette Leute wie wir sie von nebenan kennen, während das einschränkende "eigentlich" denn doch wieder Differenzierungen erwarten läßt, wie sie dann auch in der Folge mit großem Einfühlungsvermögen und Kunstverstand aufs feinste geboten werden.

Selbst Thomas Mann hat in seinem "Wälsungenblut" die Liebesszene zwischen Siegmund und Sieglinde nicht adaequater vorstellen und beurteilen können: "Es handelt sich dabei um Inzest und Ehebruch. Man ist begeistert. Nur Hunding verschläft eine der eindrucksvollsten Liebeserklärungen der Opernbühne." Die Inhaltsangabe macht unaufdringlich auf das Problem des ästhetischen Immoralismus aufmerksam, ironisiert eine kritiklose Begeisterung und transportiert dann doch die uneingeschränkte Bewunderung für das herrliche, eben das "eindrucksvollste" Liebesduett, indem zugleich auf den Kunstcharakter verwiesen wird: Die Dramenfigur Hunding verpaßt einen Kunstgenuß.

"Wenn die Rheintöchter, sagen wir mal..., etwas entgegenkommender gewesen wären, hätte man sich drei weitere aufwendige Opern sparen können" - so wird die Vergeblichkeit der Annäherungsversuche Alberichs an die Nixen in Erinnerung gerufen, zugleich Verständnis für gewisse Publikumsreaktionen auf die schiere Endlosigkeit des Wagnerschen Bühnenwerks gezeigt und die Schürzung des tragischen Knotens einer Götter- und Weltvernichtung durch den Verzicht auf die Liebe in einen sozusagen kleinbürgerlichen Horizont gestellt. - Man wünschte sich dringend eine Inszenierung des "Rings" durch Vicco von Bülow - möglichst im derzeit etwas desolaten Bayreuth!

Damit mündet meine - was die eigentliche Dimension, was Produktion, Distribution und Rezeption des von Bülowschen Werks betrifft - ganz und gar unzulängliche Laudatio in eine Bitte, der sich gewiß alle Hörer anschließen: Beschenken Sie uns auch als Dr.phil. honoris causa, der ja in höherem Sinn auch humoris causa bedeuten kann, noch lange mit den Gaben ihrer Kunst, in deren Humanum sich auf so einmalige Weise Noblesse und Menschenliebe ausprägen.

Sehr verehrter Herr von Bülow: Sie ehren unsere Hochschule im allgemeinen und die hiesige Sprach- und Literaturwissenschaft im besonderen, wenn Sie die Ehrendoktorwürde annehmen. Dafür danken wir Ihnen und wir beglückwünschen Sie in großer Herzlichkeit zu Ihrem akademischen Titel.

Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.


Redaktion: Rainer Stephan, Dez 2.2