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Das Lebenswerk von Loriot

Vicco von Bülow in der Doktorarbeit eines Literaturwissenschaftlers

Stefan Neumann über den Ehrendoktor der Bergischen Universität

20. Juni 2001

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Der Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal hat Vicco von Bülow alias Loriot die Würde eines Ehrendoktors verliehen. Am 22. Juni findet im Gästehaus auf dem Campus Freudenberg der Festakt statt. Die Laudatio hält der Literaturwissenschaftler Professor Dr. Heinz Rölleke. Er ist auch der Doktorvater von Dr. Stefan Neumann. Den 36jährigen Wuppertaler darf man wohl als den besten Loriot-Kenner der Welt bezeichnen, denn er promovierte mit einer Arbeit über das Lebenswerk von Loriot, "Vicco von Bülow alias Loriot: Werkmonografie". Vor wenigen Tagen erhielt er von Dekan Professor Dr. Rüdiger Zymner seine Promotionsurkunde.

Stefan Neumann machte sein Abitur am Carl-Duisberg-Gymnasium in Wuppertal und studierte nach dem Zivildienst Germanistik, Anglistik und Amerikanistik an der Bergischen Universität. 1997 machte Neumann seinen Magisterabschluss mit einer Studie über "Tabak und Rauchen in der deutschsprachigen Literatur", die 1998 den Förderpreis der Gesellschaft der Freunde der Bergischen Universität erhielt und in der Schriftenreihe Literaturwissenschaft als Buch erschien ("Des Lebens bestes Teil").

Prof. Dr. Rölleke engagierte ihn als wissenschaftliche Hilfskraft. Er beschäftigte sich mit der literarischen Hochkomik Loriots, woraus die Doktorarbeit "Vicco von Bülow alias Loriot: Werkmonografie" wurde. Im Mai überreichte Neumann Loriot die Arbeit in dessen Haus am bayerischen Ammersee. Seit September 2000 ist Dr. Neumann Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Dr. Rölleke.

Dr. Stefan Neumann über Vicco von Bülow alias Loriot:

Geboren am 12. November 1923 in Brandenburg an der Havel, wächst Bernhard-Viktor von Bülow, genannt Vicco, nach dem frühen Tod seiner Mutter in Berlin auf. 1938 kommt er mit der Familie nach Stuttgart, wo er 1941 das Gymnasium mit Notabitur verlässt. Den Krieg erlebt er an der Ostfront. 1945 arbeitet von Bülow als Holzfäller in Niedersachen und macht 1946 sein Abitur. Auf Anraten seines Vaters studiert er ab 1947 an der Landeskunstschule in Hamburg, die er 1949 verlässt.

Als von Bülow nach seinem Studium unter dem Pseudonym Loriot zu zeichnen beginnt, erscheinen seine Arbeiten zunächst im Hamburger Magazin Die Straße, später in Stern, Weltbild und Quick. Rasch bildet Loriot eine eigene graphische Handschrift aus, die sich vom zeichnerischen Mainstream augenfällig unterscheidet. Doch vor allem entwickelt er mit Hilfe der Legendentexte eine Form der Komik, die sich über die sonst üblichen Produkte des gezeichneten Humors weit erhebt. Diese Texte stehen im Gegensatz zu den Zeichnungen und erzeugen so die kontrastive Komik. Dem sprachlich, gesellschaftlich und intellektuell gehobenen Stil der Legenden (oder auch der Überschriften) stehen die absurd-lächerlichen, zuweilen banalen, oftmals allzumenschlichen Inhalte der Zeichnungen gegenüber. Das Erhabene der Texte trifft auf das Geringe des Bildes und vollzieht so die Peripetie ins Komische.

Die Stoffe und Motive der Zeichnungen speisen sich dabei in der Hauptsache aus dem Alltagsleben. Hilf- und Belanglosigkeiten des menschlichen Miteinander in Familie, Beruf, Kultur, Medien und Gesellschaft werden dargestellt, die Leerstellen der menschlichen Kommunikation bloß gelegt. Da die Zeichnungen, vor allem durch der Veröffentlichung in Zeitschriften und Illustrierten, extremen ökonomischen Zwängen unterliegen und die gattungsspezifischen Grenzen eng sind, ist es hinsichtlich der künstlerischen Entwicklung Loriots geradezu notwendig, dass er im Jahre 1967 das Medium wechselt und zum Fernsehen geht.

Das Fernsehen, damals noch in der Pionierphase und mit breitem Raum für künstlerische Experimente, scheint das geeignete Medium für die Weiterentwicklung des Loriotschen Werkes darzustellen. Fungiert Loriot zunächst nur als Autor, Moderator und Co-Regisseur einer Sendung, in der anspruchsvolle Zeichnungen und Trickfilme fremder Autoren, Zeichner und Regisseure vorgestellt werden, beginnt er bald selber; Trickfilme zu schreiben und filmzeichnerisch umzusetzen.

Dabei wird der Kontrast zwischen dem Erhabenen der Sprache und dessen Scheitern auf der visuellen Ebene weiter entwickelt. Die Thematik verlagert sich vom beobachteten Alltag zum Fernsehen selbst; es entstehen Parodien und parodistische Satiren auf Sendungen, Fernsehschaffende und das Fernsehen als Medium. Die Oberflächlichkeiten auf sprachlicher Ebene, die im Fernsehen besonders deutlich zutage tritt, wird zum Hauptziel.

Parallel dazu verlässt Loriot das Genre des Trickfilm-Sketches und setzt eigene Drehbücher zunehmend als Realfilme um. In denen ist er zugleich Autor, Regisseur und Hauptdarsteller. Damit wird Loriot, einstmals bloßes Pseudonym, endgültig zur Figur innerhalb seines Werkes. Wie bei den Zeichnungen steht im Bereich des filmischen Schaffens ebenfalls die Sprache im Zentrum. Auch hier wird sie kontrastiv zu der visuellen, oftmals absurd anmutenden Ebene gesetzt, mit der sie jene Komik erzeugt, die Loriot-typisch geworden ist.

Loriot erweist sich als sehr aufmerksamer Beobachter und Wächter der Sprache. Hohle Phrasen und Satzungetüme, die die Ahnungslosigkeit des Sprechers bzw. Autors verbergen oder Sachverhalte verschleiern sollen, werden aufgegriffen, übertrieben und entlarvt. Der Sendereihe Cartoon (1967-1972) und einer einzelnen Sendung namens Telecabinet (1974) folgten zwischen 1976 und 1980 sechs Sendungen unter dem Titel Loriot I bis Loriot VI. Sie wurden zu Klassikern der gehobenen Komik: Handwerklich äußerst anspruchsvoll und präzise umgesetzt und schauspielerisch auch in den Nebenrollen brillant besetzt, bieten die einzelnen Sketche, eingebettet in eine vom Sofa aus durch Loriot kommentierte Rahmenstruktur, einen Höhepunkt des Loriotschen Schaffens. In dieser Phase verlagert sich der Blickwinkel vom Fernsehen nun wieder zurück in den allgemein-alltäglichen Bereich.

In den sechs Fernsehfolgen spielt Loriot in noch extremerem Maße mit den verschiedenen Figurationen seiner selbst, als er dies bislang getan hat. Neben dem Autor (und Regisseur) Loriot tritt nun einerseits Loriot als handelnde Person, nämlich als seriöser, elegant gekleideter und gut erzogener älterer Herr auf dem Sofa, andererseits als (allgemein stets als er selbst zu erkennender) Darsteller anderer Figuren auf.

Den Sendungen Loriot I-VI folgen, neben drei selbst konzipierten Jubiläumssendungen zum 60., 65. und 70. Geburtstag Loriots, zwei Spielfilme: "Ödipussi" (1988) und "Pappa ante portas" (1991), beide jeweils erfolgreichste deutsche Filmproduktion ihres Jahres. Formen und Inhalte der Fernsehsendungen werden gekonnt in die komplexen Handlungsstrukturen eines Films transponiert.

Seither widmet Loriot sich verstärkt der Literatur, indem er verschiedene Autoren (Voltaire, Thomas Mann u.a.) auf Lesereisen vorstellt, sowie seiner großen Herzensangelegenheit, der Musik. Nachdem er 1985/86 in Stuttgart sehr erfolgreich Flotows Oper "Martha" inszeniert, folgt 1988 Webers "Freischütz" bei den Schlossfestspielen in Ludwigsburg. Außerdem schreibt er Texte, so zum "Karneval der Tiere" von Camille Saint-Saens, zu "Peter und der Wolf" von Serge Prokofieff und "Candide" von Bernstein; des weiteren verfasst er zu einer konzertante Aufführung von Wagners "Ring" zusammenfassende Texte.

Loriot ist als Person und Werk fest in den Köpfen der Deutschen verankert. Er ist nicht nur der bekannteste Komiker Deutschlands, sondern auch einer der beliebtesten deutschen Schauspieler: Mario Adorf als beliebtester und bekanntester Film- und Fernsehschauspieler, liegt laut einer Umfrage von Mediaresearch GGmedia (München) knapp vor Loriot und Iris Berbern. Es folgen Armin Mueller-Stahl, Evelyn Hamann, Heiner Lauterbach, Senta Berger, Klaus Maria Brandauer, Götz George, Uschi Glas und Jürgen Prochnow.

Kontakt:

Dr. Stefan Neumann,
Bergische Universität, Fachbereich 4, Sprach- und Literaturwissenschaften,
Telefon (0202) 439-2150
E-Mail:neumann6@uni-wuppertal.de

http://www.loriot.de


Redaktion: Rainer Stephan, Dez 2.2