Rainer Stamm

Die alte Bali-Fotos des Gregor Krause

Vermeintlich "objektive" Bilder im Spannungsfeld zwischen Ethnofotografie und Voyerismus

dr. Rainer Stamm
Dr. phil. Rainer Stamm, Kunstwissenschaftler im Fachbereich Design - Kunst- und Musikpädagogik - Druck

 

1) Karl With, Bali und wir, in: Gregor Krause, Inssel Bali, 1, Bd., Hagen 1920, S. 14
2) Gregor Krause, Insel Bali, 1. Bd., Hagen 1920, S. 19
3) ebd., S. 32
4) Fritz Giese, Körperseele, Gedanken über persönliche Gestaltung, München, 2. Aufl. 1927, Abb. 88, S. 87
5) Hans Peter Dürr, Nacktheit und Scham. Der Mythos vom Zivilisationsprozeß, Bd. 1, Frankfurt/Main, 3. Aufl, 1988 S. 146 ff
6) Susan Sonntag; hier nach: Gerhard Theewen, Über die Reproduzierbarkeit der Schönheit fremder Frauen, in: Klaus g. Gaida (Hg.), Erdrandbewohnder, Köln 1995, S. 139
7) Werner Wolff, in: Thomas Theye (Hg.), Der geraubte Schatten. Die Photographie als ethnographisches Dokument, München 1989, S. 346.

Buchtitel
Gregor Krause/Karl With: "Bali", Hagen, 2. Aufl. 1922. Bucheinband mit Banderole

Als visuelle Erweiterung des Folkwang-Museums mit fotografischen Mitteln erschienen im Folkwang-Verlag seit 1920 die Buchreihen „Geist, Kunst und Leben Asiens“ und „Kulturen der Erde“, deren erfolgreichster Titel das von Karl With herausgegebene zweibändige ‘Bali’-Werk war. Gregor Krause war in den Jahren 1912-1914 als Arzt auf der Insel des indonesischen Archipels gewesen und hatte von dort rund 4000 fotografische Aufnahmen mitgebracht. In Absprache mit Krause hatte With rund vierhundert Aufnahmen ausgewählt und in zwei Bänden veröffentlicht. Dem durch den Schock des Ersten Weltkrieges erschütterten Europäer wird Bali hierin als ‘glückliche Insel’ vorgeführt, als Land vor dem Sündenfall.

Den kulturpessimistischen Furor vor dem ‘Untergang des Abendlandes’ mögen die Bilder und Berichte aus Bali nur zu bestätigen; Krause und With führen als Gegenbild eine Welt glücklicher Ganzheit vor, in der die Natur „keine Grenzen, Klüfte und Bezirke“ kennt, Götter, Tiere, Pflanzen und Menschen in Einheit und Eintracht leben und das „Chaos zur Ordnung“ wird:1)

„Ich habe gesehen, wie kleine Knaben furchtlos auf urweltlich starken Karbuwenbüffeln galoppierten, vor denen unsere tapferen Soldaten schnell in die nächsten Bäume klommen. Ich sah, wie eine Herde Stiere, die rasend einem häßlich brummenden Automotor den Weg versperrten, durch die freundliche Zusprache eines balischen Mädchens sich von der Fruchtlosigkeit ihres Zornes überzeugen ließen;“ 2)

Einen Höhepunkt des paradiesischen Zustandes finden Krause und seine - wie With ausdrücklich hervorhebt - versteckte Kamera (!) in der vollendeten Schönheit der Menschen auf Bali respektive der Frauen; so schwärmt der Autor im Text, „die balischen Frauen sind schön, so schön wie eine Frau nur gedacht werden kann“3) und illustriert seine Feststellung mit zahlreichen Fotos, die nichts weiter vermitteln zu wollen scheinen, als diese These im Bild zu untermauern. Besonders auffällig ist dabei, daß der Autor allein in 36 fotografischen Aufnahmen nackte Frauen und Männer beim Baden in freier Natur zeigt. Mit dem Mythos von ungezwungener Körperlichkeit in einem Urzustand, die Schamhaftigkeit vermeintlich nicht kannte, bedient Krause dabei ein zeittypisches Klischee.

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Gregor Krause: "Ältere Frau beim Baden" (oben) "Jüngling nach dem Bade sich sonnend" (unten) Bali, 192-14; diese Aufnahme zitiert Hans Peter Dürr in seinem Werk "Nacktheit und Scham"

Die vermeintlich ‘objektiven’ Bilder aus dem fernen Bali kamen den zivilisationskritischen Reformbestrebungen als Argumentationshilfe und Bestätigung gerade recht. Fritz Giese etwa zitiert Krauses Aufnahmen in seinem Standardwerk der Körperreform-bewegung „Körperseele. Gedanken über persönliche Gestaltung“ (1924). Der hier abgebildete „Naturvolkakt“ ist im Sinne zivilisationskritischer Argumentation mit der Bildlegende versehen: „Unschuldige - harmlose - selbstverständliche Natürlichkeit des die Nacktheit gewöhnten Primitiven“.4) - Daß freilich auch der sog. Primitive seine Nacktheit aufs Baden in der freien Natur beschränkt, wird dabei geflissentlich übersehen.

In seinem umfassenden Versuch zur Entlarvung jenes ‘Mythos vom Zivilisationsprozeß’, der vor der Folie des Kulturpessimismus den ‘nackten Wilden’ zum unverdorbenen Ur-Menschen ohne Scham und Tadel zu stilisieren versucht, hat Hans Peter Duerr 1988 auch mit dem Klischee ‘nackter Unschuld’ und ‘vollständiger Selbstverständlichkeit’ in den von Krause aufgenommenen Badeszenen aufgeräumt. Anhand zweier Bilder Krauses weist er nach, daß an der Bein- bzw. Handhaltung der Badenden ihre Schamhaftigkeit abzulesen ist; doch hierzu bedarf es eines weniger eurozentrischen Blicks, der aufnahmebereit ist, auch fremde Zeichen der Körpersprache zu dekodieren.5) Denn - mit Susan Sontag zu sprechen -: „Es ist immer etwas Räuberisches im Spiel, wenn man ein Foto macht. Wenn man Menschen fotografiert, tut man ihnen Gewalt an, weil man sie sieht wie sie sich selbst nie sehen, weil man Wissen über sie hat, das sie nie haben können. Menschen werden in Objekte verwandelt, die symbolisch besetzt werden können.“ 6)

Krauses Bali-Buch hatte in Text und Bild den Mythos von der Ursprünglichkeit der glücklichen Insel in die Welt gesetzt. In seiner Studie über Ethnofotografie als Mittel populärer Mythenbildung führt Werner Wolf den Boom des Bali-Tourismus zwischen den Weltkriegen direkt auf Krauses Bildwerk zurück.7) Schriftsteller, Künstler und Fotografen folgten dem Traum vom Paradies und setzten die Arbeit am Mythos ihrerseits fort. Hiervon zeugen die Berichte der Maler und Zeichner Robert Genin, Heinrich Heuser und Walter Spies ebenso wie das Südseebuch ‘Heitere Tage mit braunen Menschen’ (1930) des Reiseschriftstellers Richard Katz oder der 1937 erschienene Erfolgsroman ‘Liebe und Tod auf Bali’ von Vicky Baum. Dem Bali-Boom folgten ferner die Filmemacher Lola Kreutzberg und Friedrich Wilhelm Murnau, der Ethnograph Hugo Adolf Bernatzik und die Fotografen E.O. Hoppé, Fritz Henle, Josef Breitenbach, Henri Cartier-Bresson und Gotthard Schuh, dessen Bildband über die ‘Inseln der Götter’ bis 1960 zwölf Auflagen und drei Übersetzungen erlebte.

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Richard Katz: "Heitere Tage mit braunen Menschen" Berlin 1930, Bucheinband

Bali und wir

Krauses europäische Fiktion von den ‘glücklichen Tropen’ ist Zeugnis einer populärwissenschaftlichen Ethnologie, die der Trauer darüber noch nicht gewahr ist, daß der Blick auf das Fremde nicht ohne den Widerhall des Betrachters denkbar ist - von einer Ethnologie, die sich in den Reflexio-nen von Victor Segalen und Claude Lévi-Strauss ihrer bewußt wurde und mit dieser Erkenntnis selbst die Unschuld paradiesischer Betrachtungen verloren hat. Im Blick auf das Fremde sehen wir die Sehnsüchte und Ängste unserer selbst.