TAG DER FORSCHUNG
 

 

 


Prof. Dr. Heinz Althöfer:

Restaurierung

Der italienische Philosoph und Historiker Benedetto Croce (1866 - 1952) vergleicht den Restaurator mit dem Philologen, der mit der Rekonstruktion von Texten in ihrer originalen Gestalt beschäftigt ist, und schreibt, so bemühen sich auch "Restauratoren von Gemälden und Statuen und ähnliche fleißige Arbeiter gerade darum, dem physischen Objekt seine Energie zu erhalten oder ihm wiederzuverleihen". Der Versuch, die gestörte Einheit eines Bildes wiederherzustellen, den unterbrochenen "Text" wieder lesbar zu machen, rückt das Restaurieren in die Nähe kritischer Textanalyse. Nur wenn die originale Ganzheit zunächst erkannt ist, können technische Maßnahmen sinn- und objektentsprechend sein. So wird das Kunstwerk aus der Welt der Phänomene herausgenommen und in die Welt des Lebens einbezogen (Husserl).

Jede Zeit löst die ihr aufgetragenen restauratorischen Aufgaben im Sinne der eigenen Kunst und Kunstanschauung. Man kann von Restaurierstilen sprechen. Am offensichtlichsten wird, das bei der malerischen Ergänzung früherer Jahrhunderte, wo ohne weiteres das alte Bild im Sinne der eigenen Zeit interpretiert wird. Die rigorosen Formveränderungen des Barock sind gleichermaßen eine Aussage des Zeitgeschmacks, wie die die Zurückhaltung in der Ergänzungsfrage bezeichnend ist für das archäologisch-wissenschaftliche Bewusstsein des Klassizismus. So sind auch die "Schönungen" italienischer Renaissancebilder durch Maler- Restauratoren der Zeit der Nazarener zu verstehen, und die gegen den Manierismus gerichteten Tendenzen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten, zu entsprechenden Übermalungen. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts und besonders seit dem 19. Jahrhundert verbindet sich die rücksichtslose Übertragungsmanie mit der Empfindungslosigkeit einer "glatt" malenden Epoche gegenüber Werten der Oberflächenstruktur. In der gleichen Weise ist für einen großen Bereich unserer Restaurierung heute, für die Firnisabnahme beziehungsweise die Gemäldereinigung, die Nähe zu impressionistischen Farbvorstellungen maßgebend und das Unvermögen, Valeurs zu erkennen.

Restaurierprinzipien, wie wir sie verstehen, gibt es erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Als theoretisches Problem sind sie erst denkbar seit der Begründung der analytisch-wissenschaftlichen Methode der Archäologie und der Einsicht in den historischen und dokumentarischen Wert des Kunstwerks.

Die Kunst der Gegenwart ordnet sich im Hinblick auf die Aufgaben der Restaurierung in drei Bereiche:

1. Objekte, die im weitesten Sinne wie Werke der Traditionskunst betrachtet und behandelt werden können.

2. Objekte, die technisch neue Probleme liefern, und für die neue Materialien und Techniken geprüft und eingesetzt werden müssen.

3. Objekte, bei denen die Frage der Restaurierung zunächst "ideologisch" vorgeprüft werden muss.

Im ersten Fall können bewährte Restaurierungsmethoden und -materialien eingesetzt und gegebenenfalls modifiziert werden. Hier gibt es keine Probleme, da die kritische Verwendung jahrhundertelang bewährter Methoden ein hohes Maß an Verbindlichkeit gewährleistet.

Im zweiten Fall sind Abwandlungen dieser Traditionsmethoden nützlich. Dann aber müssen neue Materialien und Techniken (wie z. B. neu definierte naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden) eingesetzt werden zur Lösung des jeweiligen Problems. Dazu ist eine umfangreiche Sammlung von Erfahrungen im Bereich der moderne Kunst und der Restaurierung erforderlich und vor allem anwendungstechnische Testserien mit Hilfe von Modellen.

Drittens ist ein neuer Denkansatz erforderlich. Er hat sich an der neuen Situation der modernen Kunst zu orientieren und muss dazu geistesgeschichtliche, historische und zeitgenössische Bezüge berücksichtigen. Dabei ist die Information durch lebende Künstler von größter Wichtigkeit.

Die Kunst der Gegenwart hat zwei Bereiche: Auf der einen Seite strebt sie nach unveränderbarer Perfektion; auf der anderen sucht sie den Materialverfall, eine weiche Ruinosität. Beide Erscheinungen ergänzen sich; erst Beide zusammen machen das Bild der Moderne aus.

Das Material, nicht der Gegenstand, fasziniert die Moderne. Verändernde Prophylaxe (beim Einbau von Elektromotoren) und Austausch von Teilen an Kunstwerken, der fortschreitende, Verfall als Prinzip, künstlerische Intention und Verweigerung des Restes, sich restauratorisch komplettieren zu lassen - das sind einige Fragen, die nicht nur die Erhaltung der modernen Kunst betreffen, sondern Restaurierung insgesamt. Idee und Experiment verselbständigen sich, besonders in Video-Dokumenten. Sie erscheinen in einigen Fällen selbst wie Kunstwerke und haben dabei zugleich eine sonst nicht erreichbare Interpretationsdichte, auch im Hinblick auf Material- und Technikauskünfte und spätere Restaurierfragen.

Künstlerische Gesamtstruktur und geschichtliches Wachstum eines Kunstwerkes rücken in den Mittelpunkt der Restaurierüberlegungen. Hier ist eine Näherung an kunsthistorische und künstlerische Sicht festzustellen und ein Abrücken von Naturwissenschaft und technologischer Geläufigkeit und Perfektion. Restaurierung heute entfernt sich von Methoden und Perspektiven des 19. Jahrhunderts und deutet eine Verwandtschaft zur Kunsterhaltung des 18. Jahrhunderts vor Beginn des Klassizismus an.

Heute gefährdet Umwelt Kunst durch physikalische und chemische Faktoren und darüber hinaus durch unsere gewandelte Geisteshaltung: Kunst als nivelliertes Konsumgut und optischer Appetizer in einer bequemen Welt der ständig neuen Zulieferung. Der Hinweis auf die gefährdete Situation der Moderne kann Konsequenzen verdeutlichen, die sich durch fahrlässiges und unbesonnenes Verhalten ergeben. Diese Informationen haben einen erzieherischen Wert für alle, die mit Kunst umgehen.

Kontakt:
Prof. Dr. Heinz Althöfer
Mühlenbergweg 20a
40629 Düsseldorf
 

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