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12.09.2005
Klimamessung? Geduld, Geduld!
Seit 25 Jahren wird die Veränderung der
Höhenluft über Wuppertal gemessen:
GRIPS 1 Grifflenberg, GRIPS 2 Hohenpeißenberg, GRIPS 3 auf der
Zugspitze
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Atmosphärenforschung aus luftiger Höhe (v.l.n.r.): Dr. Wolfgang Mett,
Leiter des Fachstabs Raumfahrt und Verkehr beim Deutschen Zentrum für
Luft- und Raumfahrt (DLR), Privatdozent Dr. Michael Bittner, Leiter
des Weltdatenzentrums für Fernerkundung der Atmosphäre des DLR und
sein Wuppertaler Doktorvater Prof. Dr. Dirk Offermann, hier in der
vergangenen Woche am Schneefernerhaus auf der Zugspitze. |
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In diesen Tagen feiert die
Arbeitsgruppe Atmosphärenphysik der Bergischen Uni ein Jubiläum besonderer
Art: Die Erfolgsstory der GRIPS-Mess-Reihe, die vor 25 Jahren begann. Im
Sommer 1980 erfolgten erste Testmessungen, deren Häufigkeit sich dann
stetig steigerte, bis nach kurzer Zeit in jeder Nacht gemessen wurde,
sofern nicht Wolken den Blick in die obere Atmosphäre versperrten. So
entstand die weltweit längste und dichteste Mess-Reihe ihrer Art.
Wovon ist die Rede? GRIPS ist
ein relativ kleines und vergleichsweise billiges Infrarot-Messgerät, mit
dem man die Temperatur in der oberen Atmosphäre (87 km) messen kann. Dazu
misst man die nächtliche Lichtemission der Hydroxyl-Moleküle (OH) in
dieser Höhe, wobei ein mit flüssigem Stickstoff gekühlter Detektor in
einem Gitterspektrometer benutzt wird. Diese Messungen waren vor 25 Jahren
als Ergänzung zu den größeren und sehr viel aufwendigeren
Infrarot-Messungen gedacht, die von den Wuppertaler Weltraumforschern mit
Hilfe von hochfliegenden Ballons, Raketen und Satelliten (am berühmtesten:
CRISTA auf dem Space-Shuttle) durchgeführt wurden. Dementsprechend wurde
das GRIPS-Gerät (oder später die GRIPS-Geräte) zu den Startplätzen
mitgenommen, sodass dadurch Messdaten an sehr vielen verschiedenen Orten
gewonnen werden konnten, teilweise auch in Zusammenarbeit mit dem
Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und dem Deutschen
Wetterdienst (DWD).
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GRIPS 3 auf der Zugspitze: Dr.
Norbert Binder (links) vom Bundesforschungsministerium und Prof. Dr.
Siegfried Specht vom bayerischen Staatsministerium für Umwelt,
Gesundheit und Verbraucherschutz. |
Bis
heute gibt es drei Messstationen in Norwegen (Andoya, Lista, Oslo), zwei
in Schweden (Stockholm, Kiruna), eine in Irland (Belfast), eine in
Frankreich (Biscarosse), eine in den USA (Wallops Island) vier in
Deutschland (Wuppertal, Zugspitze, Hohenpeißenberg, Kühlungsborn) sowie im
Nord- und Südatlantik auf dem deutschen Forschungsschiff "Polarstern".
Die
Messungen an diesen vielen Stationen ergaben im wesentlichen ähnliche
Ergebnisse: Starke Temperatur-Oszillationen mit sehr unterschiedlichen
Zeitskalen (Dauer). Die größte Variation ist hierbei der Jahresgang mit
einem Hub von etwa 50°C. Dies ist der Unterschied zwischen Sommer- und
Wintertemperaturen, wobei aus komplizierten Gründen es in dieser Höhe im
Winter wärmer als im Sommer ist. Dieser Jahreshub ist bei höheren
geografischen Breiten größer als bei niedrigeren Breiten.
Die
Ergebnisse waren z.T. nicht neu. Deshalb verschob sich das Interesse nach
einiger Zeit zu der Fragestellung, ob sich an den Messdaten (z.B. der
mittleren Jahrestemperatur oder dem Jahreshub) langfristig etwas ändert.
Diese Frage war motiviert durch die Klima-Beobachtungen in der unteren
Atmosphäre, wo ein langsamer Anstieg der Temperaturen diskutiert wurde und
wird. Dieser Anstieg schien eine Entsprechung zu finden in den
Temperaturen der mittleren Atmosphäre (30–50 km), wo ein deutlicher
Temperatur-Rückgang beobachtet wurde. Theoretische Berechnungen sowie
einige Messungen sagten voraus, dass eine solche Abnahme auch in den
GRIPS-Messungen zu sehen sein sollten, und zwar deutlicher als bei den
niedrigen Höhen.
Das
Messkonzept wurde deshalb auf Langzeitmessungen umgestellt. Das bedeutete
den Bau eines zweiten GRIPS-Geräts und eine Umorganisation der Messungen,
so dass ständig ein Gerät in Wuppertal im Einsatz war und das zweite für
den Fall in Reserve stand, dass das erste einen Ausfall haben sollte. Dies
Konzept erwies sich als sehr erfolgreich und führte zu der erwähnten
Datenreihe hoher Datendichte- und Gleichmäßigkeit. Prof. Offermann: "Bei
der Interpretation einer Langzeit-Messreihe sind die Daten-Dichte und
-Homogenität fast noch wichtiger als die Länge der Reihe."
Es
gibt gegenwärtig weltweit etwa 20 Messstationen, die Temperaturmessungen
wie GRIPS oder ähnliche durchführen. Deren Ergebnisse wurden kürzlich in
einem Übersichtsartikel zusammengestellt und verglichen. Diese Arbeit
wurde soeben mit einem Preis ausgezeichnet, dem "Norbert Gerbrier-Mumm
International Award 2005" der World Meteorological Organization (WMO).
Statement zu den
Wuppertaler Messungen: "The longest data set is that of the D. Offermann
group...Extending over 21 years, it is both homogeneous and calibrated on
an annual basis...".
Was
haben diese Langzeitmessungen nun erbracht? Offermann: "Nichts!!!" Zur
Überraschung der Wuppertaler Physiker zeigen die Messdaten nämlich nicht
die erwartete Abnahme der Temperatur in der oberen Atmosphäre. Dieses
Ergebnis war zunächst international umstritten, hat sich aber inzwischen
durchgesetzt und wurde von anderen Messstationen bestätigt. Eine genauere
Analyse der Daten zeigte allerdings etwas Überraschendes: Es gibt in
dieser Höhe sehr wohl Trends, also Langzeitänderungen, aber nicht auf
Jahresbasis, sondern auf Monatsbasis. Wenn man z.B. die April-Werte aller
Jahre miteinander vergleicht, ergibt sich ein deutlicher positiver Trend.
Im Gegensatz dazu zeigt der Februar zwar auch einen Trend, aber er ist
negativ. Auf diese Weise hat jeder Monat sein individuelles
Langzeit-Verhalten. Wenn man allerdings den Mittelwert aller Monate
bildet, kommt (ungefähr) Null heraus. Dies überraschende Ergebnis kann
bisher von anderen Stationen leider nicht überprüft werden, weil deren
Messreihen nicht lang genug oder nicht homogen genug sind.
Im
Zusammenhang mit diesen Analysen ergab sich dann doch eine wichtige
Langzeitänderung in der oberen Atmosphäre: Die Länge des Sommers nimmt
seit (mindestens) 16 Jahren kontinuierlich zu. Die Wuppertaler Physiker
konnten zeigen, dass eine entsprechende Änderung der Sommerlänge auch in
der mittleren Atmosphäre vorhanden ist, aber in umgekehrter Richtung
(Abnahme). Beide Veränderungen hängen mit langfristigen Änderungen in der
unteren Atmosphäre, also mit Klimaschwankungen zusammen. Dies wird
gegenwärtig weiter untersucht.
In den
25 GRIPS-Messjahren wurden immer die gleichen Spektrometer und Detektoren,
d.h. die gleiche Hardware verwendet. Offermann: "Das ist für die
Glaubhaftigkeit von Langzeitdaten sehr wichtig. Andere Stationen haben an
dieser Stelle Fehler gemacht. Diese sind menschlich verständlich, denn wer
würde gerne heute noch in seinem Auto Baujahr 1980 herumfahren?"
In
Wuppertal wurde jedoch der Versuchung zur Modernisierung widerstanden.
Was an den GRIPS-Geräten aber nicht konstant geblieben ist, ist die
Datenaufzeichnung. Diese wurde, dem Fortschritt der Computertechnik
entsprechend, laufend verbessert. Dadurch wird in den Messablauf nicht
eingegriffen. Die Datenmenge, d. h. die für Analysen verfügbare
Information, wurde aber enorm vergrößert. So wurden am Anfang der Serie
die Daten mit einem Papierschreiber aufgezeichnet, wodurch nur ein
Temperaturwert (Mittelwert) pro Nacht gespeichert werden konnte. Dem
gegenüber wird gegenwärtig ein Temperaturwert pro Minute gewonnen, und
eine weitere Steigerung auf das Vierfache ist für die nahe Zukunft
geplant. Mit diesen Datenrate lassen sich sehr schnelle Veränderungen in
der Atmosphäre ("Schwerewellen") feststellen. Schwerewellen sind
gegenwärtig eins der großen Rätsel in der gesamten Atmosphäre.
Inzwischen wurde das Langzeit-Messkonzept modifiziert: Eines der beiden
GRIPS-Geräte wurde im Observatorium Hohenpeißenberg des Deutschen
Wetterdienstes (DWD) aufgestellt und seit 2003 dort in Zusammenarbeit mit
dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR und dem DWD betrieben.
Der räumliche Abstand zwischen Wuppertal und Hohenpeißenberg ist klein
genug, damit die Messungen an den beiden Stellen wechselseitig
repräsentativ sind, d.h. bei Ausfall des einen Geräts können die Daten des
anderen als Ersatz benutzt werden. Der Abstand ist andererseits groß
genug, dass die Wetterlagen (die Wolkenbedeckung) an beiden Orten
unterschiedlich sind. Während in Wuppertal allein in etwa 60 Prozent der
Nächte hinreichend klarer Himmel ist, der Rest der Zeit also für die
Messungen verloren geht, ist bei Kombination der beiden Messorte in etwa
90% der Nächte an dem einen oder dem anderen Ort die Messung möglich. Es
wird also eine erhebliche Verbesserung der Messausbeute erreicht.
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Das
Schneefernerhaus auf der Zugspitze. |
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Schließlich wurde soeben – im Auftrag des DLR – ein drittes GRIPS-Gerät
gebaut. GRIPS 3 wurde durch das DLR in der Umweltforschungsstation
Schneefernerhaus auf der Zugspitze aufgestellt und in Betrieb genommen. Es
soll der Validierung von Satellitenmessungen dienen. Darüber hinaus
ergeben sich vielfältige Anwendungen, wie bei den anderen GRIPS-Geräten
auch. Offermann: "Eine sehr interessante Besonderheit ist die unmittelbare
Nähe der Alpenkämme, die möglicherweise starke Quellen von Schwerewellen
sind."
Eine
"kick off"-Veranstaltung für dieses Messprogramm des DLR fand letzte
Woche auf der Zugspitze im Beisein von Vertretern der bayerischen
Staatsregierung, der Stadt Garmisch-Partenkirchen, der ESA, des DLR, des
DWD, sowie weiterer Vertreter der Wissenschaft statt.
Der
Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeiten mit den GRIPS-Geräten liegt
inzwischen weniger im Experimentellen als vielmehr bei der Interpretation
der Daten und ihres Beitrags zum Verständnis des ziemlich komplexen
Verhaltens der Atmosphäre. Hierbei sind im Lauf der Jahre fünf
Diplomarbeiten, zwei Doktorarbeiten und 30 Veröffentlichungen in
internationalen Fachzeitschriften entstanden.
In
allerletzter Zeit ist nun in den Daten etwas Aufregendes zu sehen,
berichtet Prof. Offermann: "Seit 2001 nimmt der Hub des Jahresgangs ab. Er
ist um mehr als 13°C kleiner geworden, was eine deutlich und glaubhafte
Abweichung von den Daten der vielen Jahre davor ist." Diese Abnahme werde
von zwei Stationen bestätigt (Moskau, Hohenpeißenberg) und finde sich auch
in Halbjahresdaten der Stationen in Kanada und der Antarktis. Der
Weltraumforscher: "Gleichzeitig mit dieser Abnahme zeigen die Wuppertaler
Daten eine Zunahme der Aktivität der Schwerewellen und eine Abnahme der
Planetaren Wellen. Die Ursachen dieser Veränderungen sind vorläufig
unklar, nach einem möglichen Zusammenhang mit Klimaänderungen in der
unteren Atmosphäre wird intensiv gesucht." Eins aber sei klar: Nur auf dem
Hintergrund der Wuppertaler Langzeitmessungen hätten die Veränderungen
überhaupt entdeckt werden können. Ihre Weiterentwicklung in Zukunft wird
mit Spannung verfolgt.
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