WUPPERTALER UNIMAGAZIN      

Nr. 17 - April/Mai 2002


5000 Objekte Designgeschichte!

Designsammlung der Bergischen Uni bundesweit größte Hochschulsammlung
Forschen und Sammeln: Das Beispiel des Ferdinand Kramer
 - Von Gerda Breuer

Professor Dr.
Gerda Breuer
lehrt Kunst- und Designgeschichte im Fachbereich Design-Kunst-Musik-Druck

Mit etwa 5000 Objekten, die exemplarisch die Designgeschichte des 20. Jahrhunderts veranschaulichen, ist die Designsammlung der Bergischen Universität die größte Hochschulsammlung Deutschlands. Kleinere Sammlungen gibt es an der Uni Essen (Sammlung Sturm) und der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Archive in der Hochschule für Bildende Künste in Saarbrücken (beispielsweise von Otl Aicher), eine Spezialsammlung an der Bonner Uni (Arithmeum, 1200 Rechenmaschinen) und ein Ausstellungsinstitut ohne Sammlung an der Hochschule für Bildende Künste in Stuttgart. Den Umfang der Wuppertaler Designsammlung und die Breite ihres Spektrums hat bisher keine Hochschule erreicht.

Anders sieht es im europäischen und amerikanischen Ausland aus. Die Züricher Hochschule für Gestaltung hat eine geradezu ideale Kombination aus Lehre, Forschung, Aus-stellungs- und Sammlungswesen erreicht: Neben dem Museum für Gestaltung mit seinen Ausstellungen und Symposien ist der Hochschule ein öffentliches Sammlungsdepot zugeordnet sowie die Dependance einer großen Plakatsammlung. Die Hochschule kooperiert mit dem kantonalen Museum Bellerive und dessen hervorragender Designsammlung des frühen 20. Jahrhunderts. Einzelveröffentlichungen und Publikationsreihen begleiten die Sammeltätigkeit, die auf repräsentative Beispiele von Schweizer Design konzentriert ist. 

Hochschuleinrichtungen in den USA sind geradezu unvergleichlich. Ein Blick auf The Bard Collection in New York, eine post graduate-Lehrinstitution mit einer hochkarätigen Sammlung und mit brillianten Ausstellungen in Kooperation mit den besten internationalen Museum läßt deutsche Historikerherzen höher schlagen, die Höhe des Sammlungsetats und die Personalausstattung gehören endgültig in den Bereich der Träume. Die britischen Kollegen wiederum verfügen über eine weitaus bescheidenere, aber lange und gestandene Tradition des Forschens und Sammelns, die auf einem ungebrochenen Interesse an der Geschichte der „Industrienation England“ basiert und sich auch in dem etwa zehn Jahre früher als in Deutschland einsetzenden Forschungsfeld der Industriekultur und dem neueren ausgeprägten Schwerpunkt cultural studies zeigt.

Frankfurter Küche des Hochbauamtes Frankfurt am Main, Typ D (aus der Siedlung Römerstadt) von 1927, Margarethe Schütte-Lihotzky zugeschrieben.

Designgeschichte als Wissenschaft ist in diesen Ländern etabliert, in Deutschland dagegen flackert das Fachgebiet, trotz einer berühmten Designvergangenheit, immer nur sporadisch durch Forschungsschwerpunkte profilierter Hochschullehrer aus benachbarten Disziplinen wie Kunstwissenschaft und Architekturgeschichte auf. Es sind die Museen, die Verlage und mehr und mehr designorientierte Firmen, die das öffentliche Interesse an Designgeschichte mit großem Erfolg vermarkten. Dass Designwissenschaft in großem Stil von einer Büroausstattungsfirma wie Vitra, Weil am Rhein, organisiert wird, dass der Büchermarkt für Designgeschichte von Verlagen wie Taschen und Koenemann geradezu monopolisiert wird, die anfangs von Wissenschaftlern mit Bedenken wahrgenommen wurden, sollte Hochschulen zumindest beunruhigen.

Wie aber lassen sich Lehre, Forschung und Sammeln an einer Hochschule verbinden? Am Beispiel eines Schwerpunktes der Designsammlung des Fachbereichs Design-Kunst-Musik-Druck soll das veranschaulicht werden. Die Wuppertaler Designsammlung verfügt inzwischen über das größte Sammlungskonvolut von Objekten des Architekten und Designer Ferdinand Kramer, dem bekanntesten Frankfurter Vertreter eines sozialreformerisch ausgerichteten „Neuen Bauens“. Kramer hatte Ende der 20er Jahre eine der unter dem Stadtbaurat Ernst May geplanten Siedlungen des sogenannten Neuen Frankfurt umgesetzt und die Innenausstattung der Wohnungen bis hin zu  Gebrauchsobjekten geplant. Die großen Siedlungskomplexe am Rande der Stadt mit licht- und luftdurchfluteten Wohnungen dienten der Behebung der kriegsbedingten Wohnungsnot und waren weit über Frankfurt hinaus anerkannte, vorbildliche Wohnungen. Kramers Entwürfe, die aufgrund der preiswerten Massenproduktion den zeittypischen Anforderungen an Typisierung, Rationalisierung und Standardisierung des Entwurfs- und Produktionsprozesses entsprachen, waren außergewöhnlich qualitätsvoll und wurden mit viel Phantasie und Liebe zum Detail umgesetzt. Seine Reputation ging daher weit über Frankfurt hinaus. Bekanntestes Beispiel für eine weitere Möblierung ist die Einrichtung von Musterwohnungen in den Häusern von Ludwig Mies van der Rohe, Ernst May und  J.J.P. Oud auf der Werkbundausstellung am Weißenhof in Stuttgart 1927, einer berühmten Schau vorbildlicher Architektur der europäischen Avantgarde. Möbel von Kramer sind häufig in den einschlägigen Ausstellungen und Publikationen der 20er Jahre zu finden.

Blick in die Ausstellung „Wohn(re)form. Ferdinand Kramer und das Neue Wohnen der 20er Jahre“ in den Räumen der Design-Sammlung der Bergischen Universität.

Nach seiner Emigration in die USA während des Dritten Reichs kehrte er 1952 nach Deutschland zurück und übernahm die Planungsaufgaben für den Wiederaufbau der Universität Frankfurt, deren Baudirektor er wurde. Den Vertretern der Frankfurter Schule - Max Horkheimer und Theodor W. Adorno - war er freundschaftlich verbunden. Von der Möblierung der Hochschulbauten, die Kramer entwarf, haben wir soeben zahlreiche  Dauerleihgaben von der Frankfurter Uni erhalten, die den „Schatz“ seltener Kramer-Möbel und Gebrauchsgegenstände aus den 20ern in unserer Sammlung erheblich erweitern. Der Kramerbau wird zur Zeit durch die glanzvolle Restaurierung des I.G.-Farben-Komplexes und dessen Umnutzung zu Universitätszwecken verdrängt - eine Fehlentscheidung, die von Kennern der Kramer-Bauten mit Empörung  kommentiert wurde.

Auch besitzt die Wuppertaler Sammlung eine vollständige „Frankfurter Küche“ der Römerstadt, die als Standard-Küche für Siedlungen  der 20er Jahre geplant wurde, quasi das Urmodell der Einbauküche. Dieser Entwurf wurde bislang ausschließlich der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky zugeschrieben. Ein Vergleich noch vorhandener Küchen läßt aber erheblichen Zweifel daran aufkommen - ein Forschungsdesiderat, das durch die Auseinandersetzung mit Wohnkonzepten der 20er Jahre ausgeglichen werden soll.

Zwei Vorschritte zur Auseinandersetzung mit Kramer und dem Neuen Wohnen hat das Wuppertaler Fachgebiet für Kunst- und Designgeschichte schon gemacht: 2001 wurde in den Räumen der Uni an der Hofaue eine Ausstellung über die „Wohnreform der  20er Jahre“ organisiert (Foto). Hierzu war ein Katalog erschienen, der aber wegen der großen Nachfrage vergriffen ist.

Für Forschungsperspektiven bietet die Sammlung direkte Anschauungsobjekte. Sie ermöglicht auch die geforderte Zusammenarbeit mit Designern in der Lehre sowie in der Projektarbeit mit Ausstellungen und Publikationen. Die Sammlung, ein öffentlichkeits-wirksames Zentrum für angehende Designwissenschaftler, vermittelt nach außen anschaulich seine Forschungsschwerpunkte, was durch neue Räume für die Sammlung im Kolkmann-Haus ab Mai 2002 weiter verstärkt wird. Kontakte mit Designinstituten anderer Hochschulen, die ähnlich ausgerichtet sind, haben sich auch so konkretisiert, dass Wuppertaler Ausstellungen übernommen (z.B. Bauhaus-Akademie Dessau) bzw. Ausstellungen anderer Hochschulen (z.B. Hochschule für Bildende Künste Stuttgart) in Wuppertal gezeigt werden.
 

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