WUPPERTALER UNIMAGAZIN      

Nr. 20 - Dezember 2002


Nicht nur der gute Mensch aus Köln

Am 21. Dezember wäre der Schriftsteller Heinrich Böll 85 Jahre alt geworden:
Zwei aktuelle Wuppertaler Beiträge zum Werk des Literaturnobelpreisträgers

Heinrich Böll und Wuppertal, ein Thema für sich. Am 24. September 1966 hielt er, der schon 1959 mit dem Eduard von der Heydt-Preis ausgezeichnet worden war, zur Eröffnung des Schauspielhauses eine Rede ("Die Freiheit der Kunst"), die einen Skandal auslöste. Kernsatz des Ärgers für viele: "Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt." Der General-Anzeiger schwieg den Vorgang tot, die Westdeutsche Rundschau zitierte den Landtagsabgeordneten Johannes Rau mit den Worten "Ich bin begeistert." Wir kommen darauf zurück.

Heinrich Böll, der 1985 kurz nach Vollendung seines "Romans in Dialogen" Frauen vor Flußlandschaft gestorben ist, wäre am 21. Dezember diesen Jahres 85 Jahre alt geworden. Leben und Werk des Autors sind Arbeitsschwerpunkt der Forschungsstelle Nachkriegsliteratur im Rheinland unter der Leitung von Professor Dr. Werner Bellmann im Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften der Bergischen Universität: Pünktlich zum Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers hat Professor Dr. Werner Bellmann bei Reclam in Stuttgart ein Buch mit neuesten Erläuterungen und Dokumenten zu Heinrich Bölls Roman "Gruppenbild mit Dame" herausgebracht. Parallel dazu veröffentlichte Dr. Christine Hummel, Mitarbeiterin der Forschungsstelle, als 59. Band der Wuppertaler Schriftenreihe Literaturwissenschaft im Wissenschaftlichen Verlag Trier ihre Doktorarbeit zur "Intertextualität im Werk Heinrich Bölls".

Vor 30 Jahren erhielt Böll den Nobelpreis für Literatur - vor allem für "Gruppenbild mit Dame". Neue Entdeckungen des Wuppertaler Böll Forschers Prof. Bellmann zeigen jetzt, dass der pseudokumentarische Roman weit mehr authentisches Material enthält als bisher angenommen. Insbesondere für die Darstellung des Schicksals sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter in deutschen Lagern und Betrieben erweisen sich die Nürnberger Prozessakten, die Böll in einem 42-bändigen Reprint vorlagen, als zentrale Quelle. Bis in den Wortlaut hinein übernommen wird u.a. der Leidensbericht eines in Nürnberg vernommenen russischen Arztes. Die Eruierung von Zitaten ermöglichte es außerdem, eine Schlüsselfigur der NS-Kriegswirtschaft als reales Vorbild für eine der Romanfiguren zu identifizieren. „Gruppenbild mit Dame“ dokumentiert detailreich das einfache Leben einer Frau aus Bölls Generation. Auf 400 Seiten wird die Vita Leni Pfeiffers anhand der fingierten, aber eben mit zahlreichen Realien unterfütterten Zeugenaussagen aufgefächert. Böll gestaltet so ein Frauenschicksal, das in seiner Einfachheit und Normalität prototypischen Charakter hat und das Panorama eines halben Jahrhunderts deutscher Geschichte, der Zeit zwischen den 20er Jahren bis 1971.

Nach wie vor ist Heinrich Böll präsent als Chronist der Nachkriegszeit, als Schilderer der Verhältnisse, in denen die Menschen nach dem Niedergang des Nationalsozialismus leben mussten, die Heimkehrer, ihre Frauen und Kinder. In seinen frühen Kurzgeschichten wirft Böll Schlaglichter auf Menschen, die sich zumeist in - historisch betrachtet - wenig spektakulären Situationen befinden. In der Schaffenszeit unmittelbar nach dem Krieg sind dies vor allem die Soldaten, die, an der Ostfront oder an der französischen Kanalküste stationiert, der sinnlosen Routine und der zermürbenden Langeweile des Soldatenalltags ausgesetzt sind und die sich gehorsam den absurden Befehlen ihrer Vorgesetzten beugen.

Später beschreibt Böll die karge Existenz der Heimkehrer in den zerstörten Städten (z. B. in von dem von Werner Bellmann und Beate Schnepp aus dem Nachlass rekonstruierten, 1992 postum erschienenen Roman "Der Engel schwieg"), die ebenfalls zerstörten Familien ("Haus ohne Hüter" 1954), das Weiterleben mit der Schuld ("Billard um halbzehn", 1959). All diesen Texten haftet der sprichwörtliche Geruch der Waschküchen an, zu dem der Fürsprecher der "kleinen Leute" Böll sich u.a. Ende 1959 in dem Essay "Zur Verteidigung der Waschküchen" ausdrücklich bekannte. Die wichtigsten Prosawerke Bölls wurden vor einigen Jahren unter Beteiligung renommierter in- und ausländischer Germanisten einer Re-Lektüre unterzogen; die Ergebnisse sind in einem Band von Böll-Interpretationen versammelt, der weite Verbreitung gefunden hat.

Der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Werner Bellmann mit Dr. Christine Hummel.

Böll ist vor allem als Dokumentarist deutscher Geschichte, als streitbarer Verfechter menschlicher Grundrechte, als streitbarer Christ auch, im kollektiven Gedächtnis geblieben. Wir sehen ihn vor uns, wie er alt und gebrechlich schon in Mutlangen demonstriert hat oder bei den großen Friedensdemonstrationen in Bonn sprach. Auch seine Auseinandersetzungen mit Vertretern der Amtskirche in den 60er Jahren oder seine Proteste gegen eine Vorverurteilung Ulrike Meinhofs in den 70ern sind feste Bestandteile bundesrepublikanischer Geschichte. Böll hat all dies in seinen Werken literarisch verarbeitet. Dr. Beate Schnepp, bis 1996 Mitarbeiterin in der Forschungsstelle Nachkriegsliteratur im Rheinland, hat in ihrer Dissertation über "Fürsorgliche Belagerung" untersucht, wie Böll Dokumente und Wissen über die RAF-Terroristen in diesen Roman einfließen ließ.

Bei Bölls Figuren fällt auf, dass er sie mit Vorlieben und Eigenarten ausstattet, die er gut kennt. Dies ist eine Besonderheit des Autors, der seine Figuren seiner direkten Umwelt abzuschauen scheint. Er versetzt sie nicht einmal in eine andere Zeit oder einen anderen (als den stets erkennbaren Kölner) Raum; er stellt ihnen auch nicht sonderbares Getier an die Seite wie Günter Grass. Daher ist Böll immer wieder mit der Etikettierung Realist konfrontiert worden. Zu den von Böll entworfenen Erzählwelten gehören nicht nur Zigaretten, Butterbrote und Kaffeebecher, Rosenkränze und Kruzifixe, sondern auch Bücher, Bilder und Musik. Den Spuren der Künste im Werk Heinrich Bölls geht eine weitere aus der Forschungsstelle hervorgegangene Dissertation nach, die Christine Hummel bereits 2001 vorgelegt hat. Diese Studie zeigt, dass Bölls Werk weit anspielungsreicher ist, als bislang von der Forschung angenommen wurde. Bölls Überzeugung, Kunst sei eine der wenigen Möglichkeiten, Leben zu haben und Leben zu halten, für den, der sie macht, und für den, der sie empfängt (so Böll in seinem Essay "Das Risiko des Schreibens"), manifestiert sich auch in seinen Romanen, vor allem in seinen zahlreichen lesenden Figuren. Bölls Romane und Erzählungen formulieren also nicht nur Zeitkritik, sonders sie spiegeln auch, inhaltlich u n d formal, die Auseinandersetzung des Autors mit den Künsten - der Literatur, der Kunst, der Musik und dem Film. Bölls Denken und Wirken kann durch die Analyse der intertextuellen Bezüge in den kulturellen Kontext eingeordnet werden und zugleich zeigt sich, dass es von ihm durchdrungen ist.

Leben und Werk Heinrich Bölls sind noch lange nicht e n t  d e c k t und bieten nach wie vor Stoff für neue und vertiefende Forschungsaktivitäten. Das anhaltende Interesse dokumentiert sich auch in zahlreichen Anfragen insbesondere ausländischer Germanisten (zuletzt aus Korea, Italien und Ungarn), die ihre Projekte in Wuppertal realisieren bzw. fördern möchten - u.a. durch Nutzung der hier archivierten Materialien zu Leben und Werk des Nobelpreisträgers.
- Werner Bellmann: Heinrich Böll: Gruppenbild mit Dame. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart: Reclam, 2002.
- Christine Hummel: Intertextualität im Werk Heinrich Bölls. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2002, Schriftenreihe Literaturwissenschaft, Bd. 59.
- Heinrich Böll. Romane und Erzählungen. Interpretationen. Hrsg. von Werner Bellmann. Stuttgart: Reclam, 2000.
- Werner Bellmann/Christine Hummel: Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart: Reclam, 1999.
- Beate Schnepp: Vogelflug - Vertreibungen - Fürsorgliche Belagerung. Studien zu Heinrich Bölls Roman Fürsorgliche Belagerung. Wissenschaftlicher Verlag Trier, 1997; Schriftenreihe Literaturwissenschaft, Bd. 36.


 

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